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Im Maßregelvollzug Weinsberg

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Wer ein Verbrechen begangen hat, jedoch aufgrund psychischer Störungen für schuldunfähig erklärt wurde, landet im Maßregelvollzug - zum Beispiel in Weinsberg. Schritt für Schritt erarbeiten sich die Patienten im Klinikum am Weissenhof den Weg in die Freiheit.

Einer von ihnen ist Alex M. (Name geändert). Seine Geschichte zeigt, wie psychisch kranke Straftäter zurück in die Gesellschaft finden sollen.




Scrollen Sie nach unten, um Alex M. bei einem Tag im Maßregelvollzug zu begleiten.
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Der Schlüssel knackt im Schloss, als ein Pfleger die Tür zu Station M10 öffnet. Um 7.30 Uhr haben sich in einem Nebenzimmer neun Patientinnen und Patienten zur Morgenrunde auf hellgrünen Sofas niedergelassen. Manche beobachten die Journalistin aus den Augenwinkeln neugierig, andere wirken eher unsicher, manche so, als würden sie sich am liebsten wieder ins Bett kuscheln.

Nur selten haben die Patienten mit der Außenwelt zu tun, noch gelten sie als Gefahr. Denn auf psychische Krankheiten wie Psychosen oder Persönlichkeitsstörungen folgten Delikte wie Körperverletzung oder Vergewaltigung.

Jeden Tag arbeiten Ärzte, Psychologen, Pfleger und Therapeuten im Maßregelvollzug nun daran, die psychisch kranken Straftäter fit für das Leben zu machen. Kann das funktionieren?
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Auch Alex M. (Name geändert) hat es sich auf dem Sofa bequem gemacht. In die Bewegungstherapie und in die Arbeitstherapie müsse er heute, sagt er, und beugt seinen Oberkörper leicht nach vorne. Die Jogginghose hat er sich für den Sport schon angezogen. Alleine darf er die Station jedoch nicht verlassen. Das Risiko, dass er fliehen könnte, ist noch zu groß.

Alex M. holt sich eine Unterschrift beim pflegerischen Stationsleiter Rainer Mack für seine Anwesenheit und geht ins Ärztezimmer, wo er sich unter der Aufsicht einer Pflegerin zwei Tabletten mit einem Glas Wasser hinunterspült - seine morgendliche Dosis an Medikamenten. Dann schnappt er sich einen Laufpass und notiert genau, welche Kleidung er trägt. Geduldig wartet der 32-Jährige schließlich, bis Mack die Türe nach draußen aufschließt. Der pflegerische Stationsleiter hat sich ein Notfalltelefon an die Hüfte geklemmt und begleitet Alex M. zur Sporthalle.
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Alex M. hat seine Freiheit verloren, weil er eine andere Person schwer verletzt hat. Der Weg dahin war diffus. Bereits als Jugendlicher fing er an, Drogen zu nehmen: Amphetamine und Kokain, wenn er fit sein wollte. THC, wenn er sich entspannen wollte. LSD, wenn er in der Disko war. Es folgten: Diebstahl, Sachbeschädigungen, Körperverletzungen.

Das Gericht verurteilte ihn im August 2015 nur teilweise als schuldfähig. Der Grund: Alex M. leidet unter einer schizoaffektiven Störung. "Das bedeutet, dass ich manische und depressive Phasen habe", erklärt er. Wenn er die Medikamente nicht nimmt und der Stress zu groß wird, kämen psychotische Elemente hinzu. Er denkt dann beispielsweise plötzlich, wildfremde Leute lachten ihn aus. "Die Gedanken rasen."

In diesem Zustand irrte er oft tagelang herum, manchmal schlief er auf der Straße. "Einmal bin ich zum Flughafen gefahren. Ich dachte, ich sei eine besondere Person und könnte in die Karibik fliegen."

In der Sporthalle soll er nun Strategien finden, mit seiner Krankheit umzugehen.

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"Worauf kommt es beim Gleichgewicht an?", fragt der Bewegungstherapeut, nachdem er und Alex M. sich Matten geholt und sie auf dem Boden ausgebreitet haben. In der Turnhalle sind die beiden normalerweise ungestört. "Ich muss auf mein Standbein achten und mich auf einen Punkt konzentrieren", antwortet Alex M. auf die Frage. Er hebt ein Bein - und gleich darauf die Arme. So steht er sicherer.

Doch der Therapeut ist noch nicht zufrieden. "Und was ist Konzentration konkret?", bohrt er nach.
"Aufmerksamkeit und Ruhe im Kopf."
"Nur im Kopf? Von woher kommt Ruhe?"
"Hier, aus diesem Bereich." Alex M. streicht sich über den Bauch. "Wenn ich eine ruhige Atmung habe, kann ich besser stehen."
"Ja, das ist eine wichtige Erfahrung", bestätigt der Therapeut. Ob der Patient denn auch andere Emotionen kenne, bei denen sich die Atmung verändert?
Alex M. erzählt: "Wenn ich wütend bin, bekomme ich eine ganz flache Atmung." Beim Weinen sei es auch so. Das Schluchzen fühle sich ganz anders an.








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Vertrauen sei wichtig, sagt der Therapeut. Aber auch um das Spannungsfeld zwischen Nähe und Distanz, um die eigenen Grenzen und um Körperwahrnehmung gehe es in der Bewegungstherapie.

Durch den intimen Rahmen könne er den Patienten gut einschätzen. Das ist wichtig, denn zusammen mit Ärzten, Pflegern, den anderen Fachtherapeuten und Psychologen entscheidet der Bewegungstherapeut, wann Alex M. die nächste Lockerungsstufe bekommt. Lernfortschritte erkenne er vor allem an der Körpersprache, vor allem an Mimik und Gestik.

Bei Alex M. merkt man auch als Außenstehende, dass er die Übungen seines Bewegungstherapeuten ernst nimmt. Er hat sich im Schneidersitz auf die Matte gesetzt und fühlt mit geschlossenen Augen in sich hinein: Wie geht es mir heute? Wie hebt und senkt sich mein Bauch, wenn ich atme?

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Als Alex M. nach einem halben Jahr in der Untersuchungshaft frisch in den Maßregelvollzug kam, ging es ihm nicht besonders gut. Er bekam ein Zimmer im Hochsicherheitstrakt, der von Zäunen und Gittern umgeben ist, und war in den ersten Tagen sehr unsicher. Die Mitpatienten musste er erst kennen lernen. Mit zwei oder dreien verstand er sich auf Anhieb. Manchen ging er lieber aus dem Weg.

In kleinen Schritten bekam Alex M. immer mehr Freiheiten, die sogenannten Lockerungsstufen. Beispielsweise durfte er irgendwann zusammen mit einem Pfleger im Park spazieren gehen. Vor einem halben Jahr zog er schließlich vom Hochsicherheitstrakt in die Station M10. Zwar ist auch die Tür dieser Station für ihn noch verschlossen.

Inzwischen darf er jedoch zum Beispiel zusammen mit einem Begleiter einkaufen gehen. "Es ist gewollt, dass ich raus gehe und in die Gesellschaft komme", sagt Alex M. Wenn er einkaufen gehen will, muss er genau aufschreiben, was er braucht und wie viel Geld er dafür ausgeben möchte. Beim letzten Mal hat er zum Beispiel die Erlaubnis bekommen, sich eine Jeans und einen Pullover auszusuchen. 23 Euro bekommt Alex M. im Monat für solche Einkäufe, zusätzlich dazu 26 Euro Taschengeld pro Woche. "Hier habe ich gelernt, 50 Cent zu schätzen."
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Bei der Arbeitstherapie kann sich Alex M. bis zu einem Euro pro Stunde dazuverdienen. Zusammen mit Rainer Mack marschiert er wieder los, dieses Mal in sein altes Zuhause, den Hochsicherheitstrakt. Damit sich in seinem Leben nicht zu viel gleichzeitig verändert, arbeitet Alex M. noch dort, lebt jedoch bereits auf Station M10.

Wie am Flughafen muss er eine Schleuse durchqueren, um den Bau zu betreten. Schlüssel, Gürtel und Uhr platziert er auf einem Stuhl, sein Feuerzeug gibt er dem Pförtner. "Für die Raucher gibt es hier Zigarettenanzünder", erklärt er. Das ist sicherer.
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Alex M. stülpt sich eine grüne Schürze und Handschuhe über, stempelt seine Karte ab und meldet sich beim Arbeitstherapeuten an. "Alles, was zählt", trällert Namika leise aus einem Radio, im Raum rumpelt und klappert es: Einige Patienten stehen um Werktische herum und zwacken Stecker von alten Kabeln ab. Nur manchmal kommt ein kurzes Gespräch zustande.

Alex M. zieht einen Drehstuhl an einen der Tische, schüttet eine Handvoll abgezwackte Stecker vor sich aus, beginnt zu sortieren.
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Eine beschriftete Pappe, auf der verschiedene Stecker aufgeklebt sind, gibt Alex M. genau vor, welchen Stecker er in welche Kiste schmeißen muss. Doch der 32-Jährige braucht die Hilfestellung schon lange nicht mehr. Fast wie in Trance schmeißt er Audiostecker in die eine Kiste, USB-Stecker in die nächste. USB-Stecker seien besonders wertvoll, erklärt er. Denn in diesen befinde sich Gold. Später wird eine Recycling-Firma die sortierten Stecker weiter verarbeiten.

In seinem früheren Leben hat Alex M. als Fachlagerist gearbeitet. Er ist Gabelstapler gefahren und hat sich darum gekümmert, dass alle Produkte am richtigen Platz zu finden sind. "Es wäre schon ein Ziel, mal wieder richtig zu arbeiten", sagt er. Er weiß jedoch auch: "Wenn ich hier rauskomme, geht es nicht gleich von Null auf 100. Das ist alles behutsam."

Seit der Hochsicherheitstrakt in Weinsberg 2006 eingeweiht wurde, haben zwischen 70 und 80 Patienten den Maßregelvollzug verlassen. Diese werden ambulant weiter betreut, finden ihr neues Zuhause meist im Betreuten Wohnen und Arbeit in einer beschützenden Werkstätte, erklärt der Arbeitstherapeut.
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Hinten in der Werkstatt sitzt er in einem Büroraum mit einer riesigen Glasscheibe. Durch sie hat er die über Stecker und Kabel gebeugten Patienten bestens im Blick.

"Tagesschwankungen beobachten, das ist unser tägliches Brot", erklärt der Arbeitstherapeut. Und verrät: Von der Arbeitsleistung hängen die Lockerungen im Maßregelvollzug gar nicht so sehr ab. Vielmehr gehe es bei ihm in der Therapie darum, wie sich ein Patient verhält: Beachtet er Regeln? Hält er sich an Absprachen? "Man muss sich darauf verlassen können, dass er nicht flüchtet."

Bevor Alex M. um 11 Uhr die Werkstatt verlässt, muss er sich anstellen. Der Arbeitstherapeut checkt jeden einzelnen Patienten mit einem Hand-Elektroscanner durch. Er muss sicherstellen können, dass niemand heimlich Werkzeug eingepackt hat. 
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An diesem Tag will Alex M. einen Abstecher in die Bibliothek des Hochsicherheitsbaus machen, bevor er zurück in Station M10 geht. Viele der Bücher in den Regalen wurden gespendet. "Wir haben natürlich ein Auge darauf, wer sich was ausleiht", sagt der Arbeitstherapeut, der neben der Werkstatt auch die Bibliothek betreut. "Wenn sich ein Sexualstraftäter einen Erotikthriller ausleiht, oder wenn einer schizophren ist und sich 'Shutter Island' ausleiht, wird es schwierig."

Alex M. stöbert ein bisschen im Regal mit den Romanen. Bei dem Buch "Zwei Leben" von Vikram Seth bleibt er hängen. Eigentlich liest er nicht viel, erzählt er. Doch momentan möchte er sich ein neues Hobby zulegen und herausfinden, was ihm Spaß macht. An den Büchern schätzt er vor allem, inspirierende Gedanken zu finden.

Kurz blättert er "Zwei Leben" durch, stellt es dann aber doch zurück ins Regal. Ein anderes Buch ist für ihn interessanter.
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"Er ist zwar arrogant, der Bohlen", sagt Alex M., als er die Biographie des Musikproduzenten und Sängers in der Hand hält. "Aber er hat es geschafft. Er ist groß herausgekommen."

Kurz hält er inne. Dann bringt er das Buch zum Schalter, um es bei seinen Mitpatienten auszuleihen.
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In seinem Doppelzimmer in Station M10 wohnt Alex M. alleine. Doch das könne sich jederzeit ändern - ein Stressfaktor, mit dem er lernen müsse, umzugehen. Vor allem Stress verursacht bei Alex M. die psychotischen Schübe. Zum letzten Mal vor einem vor einem dreiviertel Jahr.

Erst seit Kurzem kann er sagen: "Ich vertraue dem Team, dass sie mir den richtigen Weg vorgeben." Lange wollte er seine psychische Krankheit nicht akzeptieren. Erst mit der Zeit wuchs der Gedanke, dass er Hilfe braucht - und damit das Vertrauen in die Therapien. "Seit einem halben Jahr fühle ich mich sehr wohl mit der ganzen Angelegenheit und mit dem, was auf mich zukommt", sagt er nach mittlerweile fast dreieinhalb Jahren im Maßregelvollzug.

In seiner Station fühlt er sich wohl. "Das ist im Prinzip wie eine Familie." Manchmal liege er im Bett und höre zu, wie die Blätter vor seinem Fenster rascheln. In der Therapie habe er völlig neu entdeckt, wie schön die kleinen Dinge im Leben sind. "Ich wünsche, dass ich diese Wertschätzung mit nach draußen nehmen kann."
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Um sich zu entspannen, geht Alex M. besonders gerne zum Tiergehege des Klinikums, auch dorthin muss ihn stets jemand begleiten. Von einer Bank hinter dem Zaun des Geheges kann er beobachten, wie Hasen durchs Gras hoppeln, Ziegen und Hühner in der Sonne faulenzen. Er mag es, die Landschaft anzuschauen, die Weinreben, die den Berg in Reihen teilen.

"Seit ich hier bin, bin ich in einem ganz anderen Gefühlsleben", sagt der Patient. Sein früheres Leben sei immer mit Drogenkonsum verbunden gewesen. Das habe er hinter sich gelassen - und sogar mit den damaligen Freunden gebrochen. Die Einzigen, mit denen er außerhalb der Klinik noch Kontakt hat, sei seine Familie. "Es gibt so viele Menschen auf der Welt, da muss ich nicht zu den alten gehen", erklärt er selbstbewusst. 

Dennoch vermisst er Vieles: "Ich würde gerne mal wieder in die Disko gehen und tanzen." Und einfach mal alleine auf der Couch sitzen, die Beine hochlegen und fernsehen. Er wisse jedoch, dass das in nächster Zeit nicht realistisch ist.
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Wann und ob Alex M. das Klinikum verlassen kann, das kann weder der pflegerische Stationsleiter Rainer Mack noch Oberarzt Robert Berov sagen. Denn der Lernfortschritt sei bei jedem Patienten individuell. Fest steht: Im Schnitt blieben psychisch kranke Patienten 2016 in Baden-Württemberg gut fünf Jahre im Maßregelvollzug.

Berov erklärt: "Wenn wir die Störungen so weit behandeln können, dass der Patient Strategien entwickelt, um nicht mehr straffällig zu werden, dann können wir ihn entlassen." Es gehe dabei um das Potenzial des Patienten. An der Arbeit hinter Gittern findet Berov vor allem gut, dass man im Maßregelvollzug im Unterschied zu anderen Kliniken die Zeit, sowie das Struktur- und Regelwerk habe, Menschen wirklich zu behandeln.

Auch Alex M. sieht darin inzwischen eine Chance: Er profitiere vom Maßregelvollzug gerade deshalb, weil er nicht wisse, wann er wieder raus kommt. Dadurch sei er viel offener für die Therapien. Mittlerweile vertraut er dem Leben, sagt er.

Im Garten der Station M10 sitzt Alex M. oft am Tisch, um zu rauchen und nachzudenken. Ein Stück weit ist das Gitter, das ihn von der Freiheit trennt, im Vergleich zum Hochsicherheitstrakt bereits geschrumpft. "Mit den vielen Pflanzen sieht es nicht so nach Zaun aus. Das ist toll." Dennoch sei es für ihn herausfordernd zu akzeptieren, dass er hier noch eine Weile leben müsse.


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Text und Umsetzung: Christine Faget
Fotos: Matthias Heibel, Christine Faget
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