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Hochwasser im Kochertal

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Einleitung

Als es am Abend des 29. Mai 2016 zu regnen beginnt, ahnt im Hohenlohekreis noch niemand, dass für viele Menschen eine Nacht des Schreckens beginnt. Der Regen wird schnell zum Starkregen.

Niederschläge von stellenweise bis zu 200 Liter pro Quadratmeter lassen innerhalb von Minuten Rinnsale und kleine Bäche zu reißenden Flüssen anschwellen. Sie tragen tonnenweise Schlamm und Geröll von den Hängen und Hügeln in die Städte und Dörfer. Ein Jahrhundert-Unwetter bahnt sich an.

Die Geschichte wird in einem sogenannten Scrollytelling dargestellt. Scrollen Sie sich durch die Präsentation, um zu sehen, was sich in der Katastrophennacht im Kochertal zugetragen hat.


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Nahezu alle Gemeinden im Hohenlohekreis sind betroffen. Besonders hart trifft es das Kochertal mit seinen zahlreichen Zuflüssen und vielerorts steilen Hängen. Aber auch im Jagsttal ist fast jede Gemeinde mehr oder minder stark betroffen.

Das ganze Ausmaß der Schäden begreiflich zu machen, sprengt jeden Rahmen. Tausende Menschen sind betroffen, haben Besitz und Heim verloren. Wir dokumentieren je ein Einzelschicksal, das stellvertretend für die schicksalhaften Ereignisse in den jeweiligen Ortschaften am Kocher steht - von Künzelsau bis Sindringen.

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Künzelsau

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„Wer das nicht mit eigenen Augen gesehen hat, kann es nicht glauben“, sagt Hermann Setzer rückblickend. Der Seniorchef des gleichnamigen Schuhhauses steht nach einer schlaflosen Nacht am nächsten Tag mit Sohn Jürgen Setzer kniehoch im Schlamm. Die Feuerwehr hatte die Nacht über seinen Keller ausgepumpt.

Am nächsten Tag kommen Freiwillige und packen wortlos mit an. Darunter sind Nachbarn, Studenten und Flüchtlinge. „Das war für mich der bewegendste Moment in all dem Schrecken“, betont Jürgen Setzer.

Die Einzelhändler am Unteren Markt, zu denen die Setzers gehören, sind durch das Gefälle der Hauptstraße am stärksten betroffen. Trotzdem hatte das Schuhgeschäft noch Glück im Unglück. „Wir haben eine Gebäude-Elementarversicherung. Insofern sind unsere Schäden weitgehend abgesichert“, so Jürgen Setzer. Nicht alle Händler sind in einer entsprechenden Lage. Viele geraten an den Rand der Existenz.

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Wie immens die Schäden auch bei Jürgen Setzer sind, zeigt dieses Bild aus seinem Schuhhaus, entstanden einen Monat nach der Katastrophe: Boden, Wandverkleidungen, Inneneinrichtung - alles ist weg. Das Gebäude musste in den Rohbau-Zustand zurückversetzt, also quasi entkernt werden. Der Händler beginnt bei Null.

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Am Unteren Markt erstrahlt inzwischen auch das Schuhhaus Setzer wieder in neuem Glanz. "Wir sind froh, dass alles neu ist und dass es jetzt endlich losgeht“, freut sich Jürgen Setzer. Am 29. Mai 2017 hat das traditionsreiche Schuhgeschäft wieder eröffnet. Auf den Tag genau ein Jahr nach dem existenzbedrohenden Starkregen.

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Wollen Sie sehen, wie die Künzelsauer Feuerwache unmittelbar nach der Katastrophe und heute im Vergleich aussieht? Dann klicken Sie unten auf "Vorher/Nachher-Ansicht starten" und ziehen Sie die Linie im Bild hin und her.

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In der Kreisstadt Künzelsau jagt der Künsbach als reißender Strom durch die Hauptstraße und hinterlässt eine Schneise der Verwüstung. Häuser werden überflutet, die Feuerwache steht unter Wasser, das Alte Rathaus, in dem sich die städtische Bibliothek befindet, erstickt im Schlamm. Nahezu alle Einzelhändler in der Innenstadt, besonders am Unteren Markt, erleiden große Schäden, viele geraten in Existenznot.

Den Schaden an kommunalen Gebäuden beziffert Bürgermeister Stefan Neumann mit 7,3 Millionen Euro.

Beachten Sie hierzu auch unser extra Storyscrolling über die Kreisstadt Künzelsau auf http://www.stimme.de/3854202

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Familie Strehle aus Ingelfingen

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Christine Strehle wird den Anblick ein Leben lang nicht vergessen. Kurz nach 19.45 Uhr steht sie am Fenster im ersten Stock ihres Hauses und sieht, wie sich plötzlich eine riesige Schlammlawine auf das Gebäude zubewegt.

"Ich habe meinem Mann noch zugerufen, er soll den Hund in Sicherheit bringen", erinnert sie sich. Das gelingt, doch dann brechen die Wassermassen über die ersten Häuser rechts und links der Kochertalstraße herein. Es ist der Deubach, der nach dem Starkregen Schlamm und Geröllmassen zu Tal führt und sich unaufhaltsam den Weg Richtung Ingelfingen bahnt.

"Bei uns ist das Erdgeschoss komplett abgesoffen, Garten und Holzschuppen waren voller Schlamm. Ich bin noch froh, dass ich keine Heizung im Keller habe", zieht Horst Strehle nach einem Jahr Bilanz. 60.000 Euro beträgt sein Gesamtschaden. Eine Versicherung haben die Strehles nicht. "Wir hatten in 55 Jahren kein Hochwasser", sagt Christine Strehle.

Hartnäckig hält sich in der Stadt der Vorwurf, dass ein verschlossener Schieber zum Kanal und zum Wasserkraftwerk der EnBW ein Grund für das Ausmaß der Katastrophe ist.

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"Fakt ist, dass das Wasser von dort kam, aber heute wird man das nicht mehr aufklären können", erklärt der Ingelfinger Bürgermeister Michael Bauer. Insgesamt hatte seine Gemeinde vergleichsweise noch Glück. "Das Schicksal der betroffenen Familien ist schlimm, aber wenn man die umliegenden Gemeinden mit uns vergleicht, sind wir mit einem blauen Auge davongekommen", sagt Bauer.

Schwere Schäden gab es vor allem in der Georg-Fahrbach-Straße in Criesbach, an der Kläranlage und an der Heinrich-Ehrmann-Halle. Zusätzlich liefen auch in den Stadtteilen einige Keller voll. Den Gesamtschaden beziffert Michael Bauer auf insgesamt 3,8 Millionen Euro.

Dabei war die Stadt auf ein normales Hochwasser gut vorbereitet. "Wenn der Kocher über die Ufer tritt, können wir vielfach reagieren, aber das war eine völlig neue Situation. Das Wasser hat uns praktisch von hinten überrollt", sagt der Bürgermeister.

Heute sind die Schäden weitgehend beseitigt. Die Stadt arbeitet weiter am Hochwasserkonzept, das schon vor drei Jahren auf den Weg gebracht wurde. Das 2,9 Millionen Euro teure Gesamtkonzept soll in den nächsten drei Jahren umgesetzt werden.

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Famiile Lempe aus Weißbach

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Im Hintergrund läuft ein Audio-Beitrag. Drehen Sie den Lautsprecher auf oder schließen Sie einen Kopfhörer an, um zu erfahren, wie Gudrun Lempe die Katastrophe erlebte.

Eine graue Betonmauer säumt das Grundstück von Gudrun und Wolfgang Lempe. Vor einem Jahr stand hier noch eine grüne Hecke − bis die Flut sie mit sich riss. "Es war ein sonniger Tag wie heute", erinnert sich Gudrun Lempe an den 29. Mai 2016. Doch am Abend wir der Himmel dunkel, setzt Regen ein.

Hagel, so groß wie Hühnereier, prasselt auf die Erde. "Alles war weiß", sagt Lempe. Dann kommt der Starkregen, setzt die Terrasse unter Wasser. "Ich habe aus dem Küchenfenster gesehen und mich gewundert, warum ich die Straße sehen kann. Wir hatten schließlich eine große Hecke, die die Sicht versperrte", sagt Lempe.

Erst dann habe sie die Wassermassen gesehen, denen die Hecke zum Opfer gefallen war. Freunde vom Guthof kommen vorbei, helfen beim ersten Pumpen und Aufräumen, doch dann kommt die zweite, noch heftigere Flutwelle.

Lempes sind zu diesem Zeitpunkt noch draußen. "Ich weiß nicht, wie wir das geschafft haben. Es hat mir einfach die Füße weggerissen", sagt sie. Doch sie schaffen es ins Haus. Der reißende Strom, der sich von der Klinge hinter dem Schützenhaus gegenüber von Lempes Haus ins Tal stürzt, hebt die verschlossene Kellertür aus den Angeln, setzt die Einliegerwohnung im Untergeschoss in kürzester Zeit unter Wasser. "Im Keller sind die Öltanks geschwommen", erzählt Lempe. 


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Ein Jahr danach herrscht bei Lempes noch immer keine Normalität. Am und im Haus sind überall noch Schäden sichtbar. "Alles, was wir selbst zahlen müssen, ist fertig. Alles, was von der Versicherung kommt, ist es nicht", klagt Gudrun Lempe. Das Rentnerehepaar ist inzwischen verzweifelt. Die Versicherung hat das Geld an eine Mannheimer Baufirma gezahlt. Die waren ein paarmal da, doch dann tauchten sie nicht mehr auf. Der Putz, den die Firma im Keller aufgebracht habe, bröckele bereits wieder.

Außerdem haben die Handwerker die Kellerfenster ausgebaut, um sie zu richten. Die sind nun auch weg. "Wir waren den ganzen Winter ohne Kellerfenster", sagt Lempe. Hilfe von der Versicherung bekämen sie keine. Die habe ja gezahlt, damit sei der Fall für sie erledigt. "Das kostet alles sehr viel Kraft", sagt Gudrun Lempe. Ihr Mann liegt im Krankenhaus. Der Stress hat seinem Herzen zugesetzt.

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Das Schützenhaus gegenüber hat Wolfgang Lempes Vater mit aufgebaut. Es steht in der Klinge und wurde ebenfalls stark beschädigt. Die Sturzflut prallte gegen das Gebäude, Wasser drang hinten ein und brach vorne wieder heraus. Immerhin hat es große Gesteinsbrocken und Baumstämme aufgehalten. "Die wären sonst auf unser Haus geprallt", sagt Gudrun Lempe.

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Wollen Sie sehen, wie es vor der Weißbacher Volksbank unmittelbar nach der Katastrophe und nach dem Aufräumen im Vergleich aussah? Dann klicken Sie unten auf "Vorher/Nachher-Ansicht starten" und ziehen Sie die Linie im Bild hin und her.

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Während im übrigen Kocher- und Jagsttal wie durch ein Wunder keine Menschen ernsthaft zu Schaden kommen, hat Weißbach einen tragischen Todesfall zu beklagen: Ein 62-jähriger Mann wird im Keller eines Mehrfamilienhauses von den Fluten überrascht und eingeschlossen. Er kann nicht mehr gerettet werden.

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Familie Jäger aus Niedernhall

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Manuel Jäger vom Landhaus Rössle in der Hauptstraße hat das Grauen miterlebt. Am Abend geht alles seinen gewohnten Gang. Gäste genießen ihr Abendessen.

Dann dringt das erste Wasser unter der Eingangstür durch. "Das hörte aber wieder auf", erzählt Inhaber Manuel Jäger. Also beginnen sie, zu putzen.

Draußen ist es schon dunkel, als das Wasser wieder zu steigen beginnt. Dieses Mal hört es nicht auf. "Wir haben die Gäste auf ihre Zimmer geschickt", erzählt Jäger. Was er zu diesem Zeitpunkt in jener Nacht nicht weiß: Der Forellenbach und Wasser von den Hängen rast bereits in Sturzfluten durch die Straßen, reißt sogar Autos mit sich.

"Um halb zehn kam die Welle. Mit der hat es einen Container voll mit Ziegeln bis etwa fünf Meter vor das Hotel geschwemmt", erzählt Jäger und sagt: "Wir hatten großes Glück, dass der nicht ins Gebäude gekracht ist." Das Wasser steht zu diesem Zeitpunkt an der Unterkante der Gastraum-Fenster.

Anfangs hätten sie noch versucht, Dinge zu retten, dann sei klar gewesen: "Da ist nichts zu machen." Die tiefer liegenden Toiletten und der Gewölbekeller versinken im Wasser.

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Die Handwerker, die nach dem Unwetter im Städtle zu Gange waren, haben die Existenz von Michael Jäger gesichert. Denn der Gastronom konnte fehlende Touristen durch die Unterbringung von Handwerkern kompensieren. Immerhin eine dreiviertel Million Euro Schaden verzeichnet der Gastronom an seinen vier Gebäuden - von dem "Nervenkampf" ganz abgesehen.

Positiv bleibt ihm aber der Zusammenhalt von Familie, Team und Freunden in Erinnerung. Und auch die Unterstützung durch die Stadt lobt er. Ein Jahr danach ist nun weitgehend alles abgeschlossen. Jetzt hat Jäger endlich mehr Zeit für seine Tochter Marie. Die ist zwei Wochen vor der Flut zur Welt gekommen.

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Draußen kämpfen Feuerwehr und Bauhofmitarbeiter mit den Fluten. Im Kelterhof kreisen schwimmende Autos. Und auch der Bauhof selbst, von wo aus die Hilfsmaßnahmen beginnen sollten, versinkt in den Fluten.

Das Bauhofgebäude mit Büro, Sozialraum, sanitären Anlagen und Schrankzimmer musste in den zurückliegenden Monaten in den Rohbauzustand zurückversetzt werden. Eines der drei Fahrzeuge wurde zerstört, ebenso der größte Teil der Werkzeuge.

Nach einem Jahr ist der Bauhof wiederhergestellt. Anfang Mai hat ein Handwerker letzte Arbeiten an den Fenstern erledigt. Jetzt muss noch der Außenverputz gerichtet werden. Inzwischen ist fast alles neu beschafft. Motorsägen, Rüttler, alles bis auf die letzte Schraube musste ersetzt werden. Und immer mal wieder fällt im Tagesgeschäft auf, dass noch etwas fehlt. Etwa ein bestimmtes Schmieröl. Zuvor hatte es niemand vermisst.

Sind nun also alle Spuren beseitigt? Nicht ganz. An einem sonnigen Mai-Montag reinigt ein Bauhofmitarbeiter Steine, die vor dem Kindergarten verlegt werden. Sie sind noch schmutzig von der braunen Flut vor einem Jahr.




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Auch in Niedernhall versinkt eine historische Altstadt meterhoch im Wasser. Eine Frau kann in letzter Sekunde aus ihrem Auto gerettet werden. Eine weitere kann sich selbst retten, obwohl das Wasser schon über ihrem Fahrzeug zusammenschlägt.

Niedernhalls Bürgermeister Achim Beck beziffert den Schaden in seiner Stadt auf rund zwei Millionen Euro, wobei vor allem der komplett zerstörte Bauhof inklusive Maschinen, Werkzeugen und Inventar zu Buche schlägt.

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Familie Fröscher aus Forchtenberg

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"Es war einfach nur starker Regen", sagt Angelika Walter-Hertweck. Völlig unbesorgt habe sie am Abend im Landgasthof-Hotel Krone in Sindringen, dem Betrieb ihrer Familie, gearbeitet.

Nach und nach hätten Gäste und Angestellte von gesperrten Straßen und Hochwasser erzählt. "Wir haben immer aus dem Fenster auf den Kocher geschaut und gedacht, der ist doch gar nicht so hoch", erzählt sie. "Und dann war es eigentlich nur ein Geräusch − Wusch − und plötzlich hatten wir 20 Zentimeter Wasser im Keller."

In der Sindringer Krone sind Familie Walter und ihre Mitarbeiter am Putzen, Pumpen und Aufräumen. "Bis etwa 22.30 Uhr hatten wir alles soweit im Griff", sagt Angelika Walter-Hertweck. Dann kommt die zweite Welle. In wenigen Minuten steigt das Wasser im Keller auf 1,50 Meter. "Den Stromkasten hat es weggerissen", erzählt sie. Damit ist das Hotel ohne Strom.


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Inzwischen ist auch der Kocher über die Ufer getreten und nähert sich dem Gasthaus, bis auch außen das Wasser 1,50 Meter hoch steht. Die Feuerwehr geht, sie kann nichts weiter tun.

"Das war ein blöder Moment", sagt Walter. Hilfloses Warten und der Dinge harren, das entspricht nicht ihrer geschäftigen Natur. Zwei Tage lang hat sie keinen Zugriff auf den Computer und damit auf das Reservierungssystem. Absagen und Buchungen kommen nicht bei ihr an.

"Ich habe zu dem Zeitpunkt auch nicht realisiert, wie groß die Schäden wirklich sind", gibt Walter zu. Sie habe gedacht, wenn das Wasser und der viele Schlamm draußen sind und alles getrocknet ist, dann ist das Meiste geschafft.

Diesen Zahn zieht ihr schließlich ein Sachverständiger, der ihr klar macht, dass das Untergeschoss in den Rohbauzustand versetzt werden müsse. "Letztlich mussten wir stellenweise sogar den Estrich rausklopfen", sagt Walter. Und auch bis der Strom wieder fließt, braucht es Wochen.

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Familie Walter aus Sindringen

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Im Hintergrund läuft ein Audio-Beitrag. Drehen Sie den Lautsprecher auf oder schließen Sie einen Kopfhörer an, um zu erfahren, wie Ferdinand Fröscher die Katastrophe erlebte.

Am Abend  setzen sich Ferdinand Fröscher und seine Freundin in Forchtenberg in den VW-Bus, um in den Weinbergen nach dem Rechten zu sehen. "In der Senke am Friedhof stand schon 20, 30 Zentimeter hoch das Wasser, da sind wir gerade noch durchgekommen", erzählt der Winzer.

Oben im Weinberg ist plötzlich Schluss. "Hinter uns und vor uns schoss das Wasser runter", sagt Fröscher. Sie sitzen fest, sind vom Wasser eingeschlossen. Rund zwei Stunden dauert es, bis sie es zur Hofstelle und zum dortigen Schlepper schaffen. Damit versuchen sie, Schächte freizumachen und mit kleinen Dämmen die Rebzeilen zu schützen. "Aber wir waren machtlos gegen die Wassermassen."

Der Versuch, auf den Büschelhof zu fahren, scheitert. "Dort kam das Wasser die Straße runter, da hätte man mit dem Boot fahren können", erzählt Ferdinand Fröscher. Und zu diesem Zeitpunkt ist das Schlimmste nicht überstanden.

Das ganze Schadensausmaß wird Ferdinand Fröscher erst bei Tageslicht klar. Landwirtschaftliche Wege sind nicht mehr da. Seine Reben sind vom Hagel und der Sturzflut stark in Mitleidenschaft gezogen. "Mein ganzer guter Boden lag im Tal", erzählt der Jungwinzer wehmütig. "So wie es vorher war, wird es nie wieder. Man wird demütiger, härtet ab und jammert nicht mehr so viel", sagt er und lächelt. Fröscher bleibt Optimist.

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Wollen Sie sehen, wie die Forchtenberger Kleingärten unmittelbar nach der Katastrophe und heute im Vergleich aussehen? Dann klicken Sie unten auf "Vorher/Nachher-Ansicht starten" und ziehen Sie die Linie im Bild hin und her.

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Wollen Sie sehen, wie der Forchtenberger Discountmarkt unmittelbar nach der Katastrophe und heute im Vergleich aussieht? Dann klicken Sie unten auf "Vorher/Nachher-Ansicht starten" und ziehen Sie die Linie im Bild hin und her.

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In Forchtenberg ist wieder Normalität eingekehrt. Trotzdem gebe es „noch viel zu machen“, sagt Bürgermeister Michael Foss. Am Flatterberg beim Weiler Neuwülfingen hat es 1.100 Tonnen Müll einer ehemaligen Deponie ins Tal gespült. Für die Entsorgung hat die Stadt 1,5 Millionen Euro Förderung beantragt. Bis darüber entschieden ist, dürfe der Müll nicht beseitigt werden. Sonst bleibe die Stadt auf den Kosten sitzen. Derzeit liege die Gesamtschadenssumme bei rund 2,5 Millionen Euro, berichtet Foss.

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Jagsttal

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Im Jagsttal verzeichnet vor allem die Gemeinde Schöntal große Schäden. Die Honigsteige im Ortsteil Kloster Schöntal wird unterspült und komplett zerstört. Wie in Niedernhall legt das Unwetter kurzfristig das Rathaus lahm. Denn das Gebäude im Kloster wird überflutet.

Registratur und Archiv liegen derzeit noch immer im wahrsten Sinne des Wortes auf Eis - und zwar in Kornwestheim: Dort soll ein spezielles Tiefkühlverfahren retten, was zu retten ist.

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Auch im Jagsttal sind die Gemeinden vom Hochwasser betroffen - wie das im Bild befindliche Berlichingen.

Selbst im kleinen Dörzbach, wo das Unwetter vergleichsweise wenig Chaos verbreitet, beziffert Bürgermeister Andy Kümmerle den Schaden auf etwa 1,3 Millionen Euro.

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Bilanz

Ein Jahr danach schätzt der Hohenlohekreis den Schaden, den das Unwetter angerichtet hat, auf 22 Millionen Euro. Auch die Land- und Forstwirtschaft erleidet heftige Einbußen. Im Kochertal stellt sich für einige Weingärtner die Existenzfrage.

„Die meisten Schäden konnten wir mittlerweile beseitigen. Allerdings gibt es etliche Privatpersonen und Geschäftsleute, die noch nicht alles komplett sanieren konnten“, zieht Landrat Dr. Matthias Neth Bilanz. „Im Großen und Ganzen bin ich aber froh, dass das Leben im Hohenlohekreis wieder in einer gewissen Normalität stattfinden kann“, betont er.

Geschädigte Privatpersonen: 2.820
Geschädigte Betriebe: 175

Gesamtkosten: 119 Millionen Euro (geschätzt)

davon:
Kosten Kommunen: 22 Millionen Euro (geschätzt)
Kosten Kreisstraßen: 172.000 Euro
Kosten Straßenmeistereien: 138.000 Euro
Schäden Landwirtschaft: 1,1 Millionen Euro
Schäden Forstwirtschaft: 750.000 Euro
Kosten für Schuttcontainer: 200.000 Euro

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In guter Erinnerung bleibt vielerorts der Zusammenhalt. Betroffene und Nichtbetroffene, THW und Feuerwehren packen gemeinsam an. „Ich bin nach wie vor beeindruckt vom großen Engagement der zahlreichen Einsatzkräfte und Helfer. Die Hohenloher haben wieder einmal gezeigt, dass man sich in der Not aufeinander verlassen kann“, betont Landrat Neth.

Privatleute und das DRK richten Spendenkonten ein. Allein beim DRK kommen über 330.000 Euro zusammen. Nach anfänglichem Zögern stellt das Land Baden-Württemberg eine Soforthilfe für Betroffene in Höhe von mehr als 1,1 Millionen Euro zur Verfügung. Davon profitieren Gemeinden, Privathaushalte und Gewerbetreibende.

Soforthilfen des Landes im Hohenlohekreis: 1.100.354 Euro
davon an:
Stadt Künzelsau: 474.154 Euro
Stadt Öhringen: 17.750 Euro
Gemeinde Schöntal: 7.450 Euro
restliche Kommunen: 601.000 Euro
Privathaushalte: 319.460 Euro
Gewerbetreibende: 281.540 Euro

Spenden ans DRK: 330.425 Euro

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