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Heilbronn: Schwaben oder Franken?

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Schwaben oder Franken: Was denkt die Bevölkerung?

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Kapitelübersicht: Ebenen der Betrachtung

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Heilbronn historisch

Die Ausdehnung des fränkischen Merowingerreichs umfasst gegen Ende des 6. Jahrhunderts weite Teile Europas. Das Herzogtum Alamannia beginnt südlich von Heilbronn (dunkel schraffiert). Foto: Städtische Museen Heilbronn /gruppe sepia
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Heilbronn am Neckar. Dank der klimatischen und topographischen Lage schon seit Frühzeiten ein beliebter Siedlungsort. Als die Alamannen, die später synonym als Schwaben bezeichnet wurden, 260 n. Chr. den Limes überquerten, um im Neckarraum zu siedeln, trafen sie auf römische Spuren. In Böckingen befand sich etwa ein Kastell. „Ich gehe davon aus, dass sich die Römer zurückgezogen hatten, als die Alamannen kamen“, sagt Christina Jacob, Archäologin bei den Städtischen Museen Heilbronn. Anders war das, als die Franken auf die Alamannen trafen.

In der Schlacht von Zülpich 496 (bei Bonn) siegten die fränkischen Krieger – und übernahmen die nördlichen Teile des alamannischen Reichs, darunter die Gegend des heutigen Heilbronn. „Das Gebiet kam zwar unter fränkische Herrschaft, doch die ansässige mittelständische Bevölkerung ist eher hiergeblieben. Die Oberschicht hat die Gegend verlassen“, sagt Jacob. Ein erster Hinweis in dieser Geschichte darauf, dass in Heilbronn Alamannisches (Schwäbisches) und Fränkisches koexistier(t)en - Vermischung nicht ausgeschlossen. 

Wie der frühere Staatsarchivdirektor Max Miller 1954 in der Heimatgeschichtlichen Beilage der Heilbronner Stimme schreibt, verlief die Grenze vom elsässischen Hagenau über die Hornisgrinde im nördlichen Schwarzwald, südlich der Städte Calw, Weil der Stadt, Leonberg, quer durch Ludwigsburg sowie über Marbach und Backnang weiter Richtung Osten. Nördlich dieses Verlaufs befand sich das fränkische Merowingerreich, südlich das Herzogtum Alamannia. 


Die Ausdehnung des fränkischen Merowingerreichs umfasst gegen Ende des 6. Jahrhunderts weite Teile Europas. Das Herzogtum Alamannia beginnt südlich von Heilbronn (dunkel schraffiert). Foto: Städtische Museen Heilbronn /gruppe sepia
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Fränkische (links) und alamannische Grabbeigaben, die an (verschiedenen) Fundorten in Böckingen ausgegraben wurden. Fotos: Mario Berger
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Die erste Erwähnung Heilbronns hat unzweifelhaft fränkische Bezüge. Sie geht auf das Jahr 741 zurück, als eine Basilica in „Villa Helibrunna“ dem neugegründeten Bistum Würzburg geschenkt wurde. Die Bedeutung des Ortes speiste sich auch daraus, dass Heilbronn Standort eines fränkischen Königshofs war. „Von diesem Königshof aus sind Dörfer gegründet worden“, sagt Peter Wanner vom Heilbronner Stadtarchiv. „Bei Sontheim deutet viel darauf hin, es bedeutet eigentlich Südheim.“ Eben südlich des zentralen Königshofs gelegen.

Dass Ortsnamen, die auf -heim enden fränkische und Orte, die mit -ingen enden, schwäbische Gründungen sind, - was eine vorherrschende Meinung war - lässt sich allerdings nicht grundsätzlich sagen. 

Bis etwa um die Jahrtausendwende stand Heilbronn unter dem Einfluss des jeweiligen (fränkischen) Königs, schreibt Stadtarchivdirektor Christhard Schrenk in einem Überblick. Vielleicht schon davor setzten Zersplitterungsprozesse ein, wie sie typisch sind für das Mittelalter. Ein Herr konnte viele Herren haben – was etwa die Kirche, die Gerichtsbarkeit, den Grund betrifft. Mehrere Einflussbereiche innerhalb eines Ortes waren nichts Ungewöhnliches – bestes Beispiel dafür in Heilbronn sind die Besitzungen des Deutschordens, noch heute am Deutschhof sichtbar.

Generell gilt über die Zeit hinweg: „In Heilbronn kann man schon sehen, dass es ein Ringen zwischen fränkischen und schwäbischen Herrschaftseinflüssen gab“, erzählt Wanner. Das änderte sich 1225 mit dem Nordhäuser Vertrag, der den Einfluss des Bistums Würzburg zurückdrängte – und den des staufischen (schwäbischen) Königs stärkte. Nebenbei gilt der Vertrag unter Historikern als Meilenstein auf dem Weg zur Reichsstadt.

Reichsstadt und Schwäbischer Reichskreis

Diesen Status erreichte Heilbronn ab 1360 und besaß damit weiterhin den Vorzug, unmittelbar dem Reich zu unterstehen – und keinem Territorialfürsten. Später trat die Stadt dem Schwäbischen Reichskreis bei, dem auch Wimpfen und Hall zugeordnet waren. Waldenburg oder Öhringen gehörten hingegen dem Fränkischen Reichskreis an.

Ist das nun der Mosaikstein, der Heilbronn zu einer schwäbischen Stadt macht? Nein, sagt Peter Wanner. Der Beitritt hatte vielmehr pragmatische Hintergründe. Kamen die Reichsstände bei den Reichstagen zusammen, so schlossen sie sich aus organisatorischen Gründen zu Reichskreisen zusammen. Zum schwäbischen gehörte auch Esslingen, ebenfalls eine Reichsstadt, zu der Heilbronn gute Kontakte pflegte. Fränkische Reichsstädte wie Nürnberg waren für die damalige Zeit weit entfernt. Die Reichskreise bestanden übrigens - zumindest faktisch - bis zur Auflösung des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation im Jahr 1806.

Weniger gute Beziehungen gab es hingegen zwischen den Heilbronnern und den Grafen von Württemberg, die rund um Heillbronn über die Jahrhunderte mehr und mehr Gebiete erwarben. „Den Territorialfürsten waren die reichen Reichsstädte ein Dorn im Auge“, erklärt Wanner. Ein wiederkehrender Streitpunkt: Die Neckarschifffahrt, die Heilbronn viele Einnahmen brachte. 

Gibt es nun ein Ereignis in dieser historischen Betrachtung, das von solch‘ überragender Bedeutung ist, dass es Heilbronn als schwäbisch oder fränkisch definiert? Christina Jacob und Peter Wanner verneinen. „Es sind entgegenlaufende Ereignisse“, sagt Wanner. „Die Heilbronner haben eine ganz eigene Identität aufrechterhalten.“

Info: Unter dem Titel "Sie kamen... und sie blieben - Alamannen und Franken im Südwesten, Zuwanderung damals und heute" startet am 25. März eine Ausstellung im Museum in Deutschhof, die sich mit der Lebensgeschichte von Alamannen und Franken vom 3. bis zum 7. Jahrhundert befasst.  

Fränkische (links) und alamannische Grabbeigaben, die an (verschiedenen) Fundorten in Böckingen ausgegraben wurden. Fotos: Mario Berger
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Heilbronn politisch und wirtschaftlich

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Wir schreiben das Jahr 1802, die herzoglich-württembergischen Truppen marschieren in Heilbronn ein. Damit wird faktisch vorweggenommen, was ein Jahr später vertraglich fixiert wird: Heilbronn kommt zu Württemberg. Ganz klar: „Das war ein Schritt Richtung Schwabentum“, sagt Peter Wanner vom Heilbronner Stadtarchiv. Von Stuttgart werden Beamte nach Heilbronn geschickt – und die bringen ihren schwäbischen Hintergrund mit.

Wie mehrere Quellen darlegen, erholen sich die Stadt und ihre Bürger rasch von dem Schock, die Eigenständigkeit verloren zu haben. Ihre Energie setzen die Einwohner der schon damals wichtigen Handelsstadt in die beginnende Industrialisierung, die Lage als Hafenstadt am Neckar hilft wie in den Jahrhunderten zuvor. Die Bevölkerungszahl wächst: von 6000 um das Jahr 1800 auf 12.000 in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Nicht nur Arbeiter siedeln sich an. Auch berühmte „Heilbronner“ Unternehmer haben mitunter einen Migrationshintergrund. Die Familie Cluss kam ursprünglich aus Schlesien, der Knorr-Gründer Carl Heinrich Theodor aus Braunschweig.

Die dynamische Stadt am Neckar  

Heilbronn ist unter württembergischer Herrschaft Sitz eines Oberamtes, genauso wie Neckarsulm, Weinsberg oder Brackenheim. Genannte Kommunen können mit der Dynamik und der wachsenden Einwohnerzahl Heilbronns nicht mithalten. Heilbronn bleibt der zentrale wirtschaftliche Mittelpunkt in der Region – auch ohne Status einer Reichsstadt. Der Wandel hin zur Industriestadt lässt die Bevölkerung weiter wachsen: 33.000 Einwohner sind es gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Aus dem statistischen Handbuch für das Königreich Württemberg aus dem Jahr 1896 wird zitiert, dass davon 58 Prozent nicht in Heilbronn geboren wurden. Was bleibt da noch von schwäbisch oder fränkisch?

Heilbronn zeigt sich auch zu dieser Zeit als Schmelztigel wie eigentlich immer in seiner Geschichte. „Es war immer ein Durchzugsland“, erläutert Archäologin Christina Jacob. „Selbst in vermeintlich verwurzelten Familien gibt es eine Migrationsgeschichte. Das hat mit der naturräumlichen Lage zu tun. Hier sind immer Leute hängengeblieben.“

In der Heilbronner Oberamtsbeschreibung - heute muten solche Überblicke kurios an - von 1865 ist dennoch zu lesen: "Da die meisten Bewohner des ganzen Oberamts Heilbronn dem fränkischen Stamme angehören, so sind sie redseliger und lebhafter als die Schwaben. Der Heilbronner ist fleißig und unternehmend und wagt eher, als daß er die Hände in den Schooß legt; er ist gefällig gegen Fremde, hat etwas feinere Formen im Umgange, ist höflicher, wird aber vielleicht vom Schwaben an innerer Herzlichkeit übertroffen."

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Aus dem Flickenteppich von einst, der hier die Herrschaftsverhältnisse um 1790 darstellt, ist die heutige Region Heilbronn-Franken entstanden. Quelle: Karte VI.13 aus dem historischen Atlas von Baden-Württemberg, hg. von der geschichtlichen Kommission für Landeskunde in BW in Verbindung mit dem Landesvermessungsamt BW. Stuttgart 1972-1988
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Auf Verwaltungsebene kommt es 1973 auf einen Rückbezug zu den historischen Wurzeln Heilbronns, als das Land die Planungseinheit Region Franken schafft. Mit einem Federstrich, wie es gelegentlich heißt. Der Name währt 30 Jahre, dann erfolgt die Umbenennung in Region Heilbronn-Franken. „Das hat zu einer besseren Fassbarkeit beigetragen“, sagt Klaus Mandel im Rückblick. Denn so ganz klar war es zuvor nicht, wo nun diese Region auf der Landkarte zu finden ist. Dass Franken nicht nur auf das Bundesland Bayern beschränkt ist, ist eben noch immer unbekannt – auch wenn der fränkische Rechen zum baden-württembergischen Landeswappen gehört.

Mandel ist seit 2008 Verbandsdirektor der Region Heilbronn-Franken. Von der angeblichen Heterogenität (Schwaben hier, Franken da, Badener dort) dieser Einheit hört er immer wieder – anfangen kann er damit nichts. „Es ist ein ständiger Fluss“, sagt der 56-Jährige. „Heilbronn etwa ist eine der dynamischsten Städte dieser Größenordnung in Deutschland. Lebensstile und Einstellungen ändern sich. Deshalb halte ich nichts vom landsmannschaftlichen Schubladendenken.“

Aus dem Flickenteppich von einst, der hier die Herrschaftsverhältnisse um 1790 darstellt, ist die heutige Region Heilbronn-Franken entstanden. Quelle: Karte VI.13 aus dem historischen Atlas von Baden-Württemberg, hg. von der geschichtlichen Kommission für Landeskunde in BW in Verbindung mit dem Landesvermessungsamt BW. Stuttgart 1972-1988
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Heilbronner Bewusstsein

Die kulinarische Prägung Heilbronns ist schwäbisch. Das Heilbronner Leibgericht beinhaltet schließlich Maultaschen, Buabespitz und Spätzle. Den Wein hingegen mögen Franken wie Schwaben - mal in Häcken-, mal in Besenwirtschaften konsumiert. Foto: Tobias Wieland
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"Für mich leben die Franken drüben bei Nürnberg. Dort ist es fränkisch, bei uns ist es schwäbisch", sagt Ingrid Benke. Zwar ist die 75-Jährige, die knapp 30 Jahre an der Rosenauschule gearbeitet hat, in Beilstein aufgewachsen - und somit näher am Schwabenland als es Heilbronn ist. Und doch dürfte sie mit dieser Aussage vielen Heilbronnern aus der Seele sprechen. 

Benke hat wie viele andere Menschen aus der Region Bezüge nach Schwaben. Sie hat zeitweise in Stuttgart und im Remstal gewohnt. Ihr schwäbisches Bewusstsein speist sich aber aus einer anderen Quelle, der Abgrenzung zu Baden. "Am meisten geprägt hat mich, dass andere gegenüber dem Schwäbischen verächtlich waren", sagt die frühere Lehrerin. Benke wuchs in einer Zeit auf, als das Bundesland Baden-Württemberg geschmiedet wurde. Eine Zeit der Konfrontation – und der Orientierung. 

Dass es neben diesen damaligen Kontrahenten noch ein weiteres Element gibt, das Fränkische, das rückte erst spät in ihr Bewusstsein. Nicht intuitiv, sondern dann, als sie sich ausführlicher mit der Thematik beschäftigt habe. Auch das dürfte mehreren Einheimischen so gehen. Und es entspricht einer Beobachtung, die Christina Jacob, Archäologin bei den Städtischen Museen Heilbronn, gemacht hat: Mit dem Fränkischen muss man sich beschäftigen. 

Der Alltag des Heilbronners

Vielleicht auch deshalb, weil der Alltag der Menschen hier stark schwäbisch geprägt ist. Blicken wir aufs Essen: Das Heilbronner Leibgericht beinhaltet unzweifelhaft schwäbische Zutaten. Und beim Fußball fahren Anhänger erst in jüngerer Zeit nicht nur nach Cannstatt, sondern auch nach Sinsheim. 

Wie sieht das Bewusstsein nun aus? Die Antwort: uneindeutig.  

Klaus Mandel hat schon von Berufs wegen mit unterschiedlichen Identitäten zu tun – als Verbandsdirekter der Region Heilbronn-Franken, die von Wertheim nach Brackenheim und von Eppingen nach Crailsheim reicht. "Ich denke schon, dass man mehrere Bewusstseine braucht. Angefangen in der eigenen Straße oder dem Stadtviertel weiter über die eigene Stadt und die Landschaftseinheit, der man angehört." Dass sich ein Bewusstsein aber auch wandelt, das lässt sich laut Mandel aktuell gut in Heilbronn beobachten. Mit der Stadtentwicklung, die eine Neckarmeile, einen Hochschulcampus im Zentrum oder bald eine Bundesgartenschau hervorbringt, ändern sich Lebensstile und Einstellungen. Gleiches bewirkt das Thema Migration. 

Dass es in Heilbronn vielleicht nicht ganz so eindeutig ist, welche Identität vorherrscht, findet der 56-Jährige nicht tragisch. "Was soll daran schlimm sein? Das ist unsere Vielfalt. Es gibt ja den Spruch 'Der Wert Baden-Württembergs kommt aus dem Wert seiner Teile' – und das sehe ich für Heilbronn genauso."  

Die kulinarische Prägung Heilbronns ist schwäbisch. Das Heilbronner Leibgericht beinhaltet schließlich Maultaschen, Buabespitz und Spätzle. Den Wein hingegen mögen Franken wie Schwaben - mal in Häcken-, mal in Besenwirtschaften konsumiert. Foto: Tobias Wieland
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Heilbronn sprachlich

Eine Sprachkarte am Beispiel des Wortes "Kind". Die im Schwäbischen verbreitete Aussprache "Kend" reicht nicht bis nach Heilbronn. Quelle: Ludwig-Uhland-Institut der Universität Tübingen
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In Heilbronn sprechen die Menschen – südfränkisch. Südfränkisch? In der Bevölkerung ist das ein kaum geläufiger Begriff. Doch die Sprachwissenschaft zählt die Stadt zu eben diesem Sprachraum – und nicht zum Schwäbischen, dem sich viele Einheimische zugehörig fühlen. Wie kommt es zu den unterschiedlichen Wahrnehmungen zwischen der Bevölkerung und der Forschung?

Professor Hubert Klausmann von der Uni Tübingen und seine Mitarbeiter untersuchen die Sprachräume im Südwesten. Es geht um den Wortschatz, die Grammatik und um Lautungen. In ihren Erhebungen befragen sie Menschen auf dem Land und in der Großstadt mit einem stets identischen Katalog an Fragen. „Wir finden bei unseren Erhebungen schwäbische Besonderheiten vor, die weit in den Heilbronner Raum gehen“, sagt Klausmann zwar. Dies betrifft vor allem den Wortschatz, weniger die Laute. So schmiert sich der Heilbronner wie der Schwabe „Gsälz“ aufs Frühstücksbrot, bisweilen aus „Breschdleng“ eingekocht. Doch: „Beim Wortschatz scheint es eine größere Offenheit zu geben als in der Lautung oder der Grammatik“, sagt der Sprachforscher.

Typisch schwäbische Lautveränderungen wie beim Haus, das zum "Hous" wird oder beim Kind, das zum „Kend“ wird, breiten sich nicht nach Norden aus. „Lautungen wie das „i“ und das „u“, die im Schwäbischen vor einem „n“ zu „e“ und „o“ werden, finden wir im Heilbronner Raum kaum, vielleicht gerade noch im südlichen Landkreis“, sagt Klausmanns Mitarbeiter Rudolf Bühler, der eine Dissertation über "Sprachwandeltendenzen" am Beispiel der schwäbisch-fränkischen Dialektgrenze verfasst hat. 



Eine Sprachkarte am Beispiel des Wortes "Kind". Die im Schwäbischen verbreitete Aussprache "Kend" reicht nicht bis nach Heilbronn. Quelle: Ludwig-Uhland-Institut der Universität Tübingen
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Die Karte zeigt die Verteilung der Dialekte in Baden-Württemberg. Schwäbische Dialekte in rot, die Hohenloher Mundart in dunklerem und der südfränkische Dialekt in hellerem Grün. Südlich von Heilbronn beginnt der schwäbisch-fränkische Übergangsbereich. Quelle: Ludwig-Uhland-Institut der Universität Tübingen
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Sprachwissenschaftlich – und jetzt kommt’s – weist Heilbronn viel mehr Gemeinsamkeiten mit Karlsruhe als mit Stuttgart auf. Erstere Städte gehören beide dem südfränkischen Sprachraum an. Das macht die Sache nicht einfacher – zumindest für die Bevölkerung. Doch für die Sprachforschung ist die Sache eindeutig. Auch wenn ein Karlsruher anders als ein Heilbronner klingen mag – „zwischen Baden und Heilbronn gibt es keine Sprachgrenze“, stellt Bühler klar.

Zwischen Heilbronn und Stuttgart hingegen schon, auch wenn sie durchlässig ist. Davon zeugt eine Zone, die südlich von Heilbronn beginnt und bis Ludwigsburg reicht. Die Sprachforschung bezeichnet sie als „schwäbisch-fränkischen Übergangsbereich“. Hier findet eine starke Vermischung statt. Dass Sprachgrenzen weniger fließend sein können, zeigt sich im Osten des Landes zwischen Crailsheim und Ellwangen: „Hier ist der Übergang zwischen dem Schwäbischen und dem Ostfränkischen sehr abrupt. Man kommt von einem Ort in den anderen und die Lautungen sind komplett anders“, erzählt Bühler.

Württembergisch-schwäbische Orientierung

Und warum können die Heilbronner nun so wenig mit dem Südfränkischen anfangen? Der Wissenschaftler hat in seinen Untersuchungen festgestellt, dass selbst Menschen aus dem Norden des Landkreises Heilbronn, die noch weiter entfernt vom schwäbischen Sprachraum wohnen, bei der Frage nach dem eigenen Dialekt mit schwäbisch antworten – „obwohl wir objektiv nicht davon sprechen können“.

Bühlers Erklärung leuchtet ein: „Als Heilbronner weiß man natürlich, dass man Württemberger und kein Badener ist – also kann es ja nicht sein, dass man badisch spricht. Viele versuchen sich deshalb, Richtung schwäbisch zu orientieren. Die badische Grenze ist noch stark im Bewusstsein verankert, obwohl sie heute politisch keine Rolle mehr spielt." 

Info: Die Mitarbeiter am Tübinger Ludwig-Uhland-Institut für empirische Kulturwissenschaft erstellen aktuell einen sprechenden Sprachatlas, der im Netz verfügbar ist. Die Arbeit wird vom Ministerium für Wissenschaft und Kunst Baden-Württemberg, vom Förderverein Schwäbischer Dialekt und von der Universität Tübingen finanziert.



Die Karte zeigt die Verteilung der Dialekte in Baden-Württemberg. Schwäbische Dialekte in rot, die Hohenloher Mundart in dunklerem und der südfränkische Dialekt in hellerem Grün. Südlich von Heilbronn beginnt der schwäbisch-fränkische Übergangsbereich. Quelle: Ludwig-Uhland-Institut der Universität Tübingen
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Schwaben oder Franken? Das Fazit

Was ist sie nun, die Stadt Heilbronn? Die eine klare Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Es liegen in der Historie zahlreiche fränkische Bezüge vor, durch wirtschaftliche und politische Verflechtungen schwäbische Einflüsse. Das Bewusstsein vieler Einheimischer erweist sich als schwäbisch, auch wenn die Sprache ganz eigen geblieben ist. Und so obliegt es dem Oberbürgermeister Harry Mergel, unsere Suche abzuschließen:

„Heilbronn vereinigt Sparsamkeit und Fleiß als wesentliche Tugenden der Schwaben mit der Lebens- und Genussfreude der Franken als der notwendigen Leichtigkeit des Seins. Insofern ist Heilbronn beides: schwäbisch und fränkisch, vor allem aber eine lebenswerte Stadt.“

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Kapitel 1 Schwaben oder Franken: Was denkt die Bevölkerung?

Schwaben oder Franken? Das Introvideo

Kapitel 2 Kapitelübersicht: Ebenen der Betrachtung

Schwaben oder Franken? Die Kapitelübersicht

Kapitel 5 Heilbronner Bewusstsein

Heilbronn und seine Identität 

Kapitel 7 Schwaben oder Franken? Das Fazit

Schwäbisch UND fränkisch

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