Hinweis

Für dieses multimediale Reportage-Format nutzen wir neben Texten und Fotos auch Audios und Videos. Daher sollten die Lautsprecher des Systems eingeschaltet sein.

Mit dem Mausrad oder den Pfeiltasten auf der Tastatur wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Durch Wischen wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Los geht's

Eine Ära endet: Mustang verlässt Künzelsau

Logo http://stimmeonline.pageflow.io/eine-ara-endet-mustang-verlasst-kunzelsau

Dass die Jeans nach dem zweiten Weltkrieg auch in Europa ihren Siegeszug antritt, daran hat die Firma Mustang aus Künzelsau einen großen Anteil. Bis sich die "Ami-Hose" hierzulande etablierte, waren allerdings zahlreiche Widerstände zu überwinden. 

Eine Geschichte über Schnaps, Schlaghosen und Schwiegermütter. 

Scrollen Sie nach unten, um mehr über die Historie von Mustang zu erfahren. 
Zum Anfang

Mit seiner Schwiegermutter hatte Albert Sefranek nicht immer gut lachen. Die Sache mit den Jeans, von Luise Hermann "Karussellfahrerhosen" genannt, behagt der Firmengründerin zunächst gar nicht. Foto: privat
Mit seiner Schwiegermutter hatte Albert Sefranek nicht immer gut lachen. Die Sache mit den Jeans, von Luise Hermann "Karussellfahrerhosen" genannt, behagt der Firmengründerin zunächst gar nicht. Foto: privat
Vollbild
Die Anekdote ist inzwischen zur Legende geworden: Sechs Flaschen Hohenloher Schnaps tauscht Albert Sefranek im September 1948 in einer Frankfurter Bar gegen Jeans eines Amerikaners ein. Diese Hosen werden zu Vorlagen für die ersten Jeans, die außerhalb der USA produziert werden - und zwar im hohenlohischen Künzelsau. Dort beginnt der Aufstieg einer Marke, die zehn Jahre später auf den Namen Mustang getauft wird, und die beinahe mit den großen Spielern aus den Staaten mithalten kann. 

Wie es dazu kommt?

Die Produktion von Textilien beginnt 1932 mit der Gründung einer Kleiderfabrik durch Luise Hermann, der späteren Schwiegermutter von Albert Sefranek. An Jeans ist zu diesem Zeitpunkt nicht zu denken, die Inhaberin und die sechs Näherinnen produzieren etwa für die kurz darauf gegründete Wehrmacht und den Reichsarbeitsdienst. 

Mit seiner Schwiegermutter hatte Albert Sefranek nicht immer gut lachen. Die Sache mit den Jeans, von Luise Hermann "Karussellfahrerhosen" genannt, behagt der Firmengründerin zunächst gar nicht. Foto: privat
Mit seiner Schwiegermutter hatte Albert Sefranek nicht immer gut lachen. Die Sache mit den Jeans, von Luise Hermann "Karussellfahrerhosen" genannt, behagt der Firmengründerin zunächst gar nicht. Foto: privat
Schließen
Zum Anfang
Im Mai 1945 kommt Albert Sefranek aus dem Krieg zurück - und zieht zu seiner Verlobten Erika Hermann nach Künzelsau. Eigentlich will er studieren, Ingenieur werden, doch so einfach ist das nicht. Zudem hält seine Schwiegermutter wenig von den Plänen. 

Sefranek macht sich in der Textilfabrik der Familie nützlich, der es nach dem Krieg an Kunden mangelt. In Frankfurt fädelt er den Schnaps-/Jeans-Handel ein - im Wissen, dass hierzulande niemand sonst dieses Kleidungsstück produziert. Sefranek möchte eine Marktlücke in der Textilbranche besetzen - obwohl er sich, wie er später gesteht, als Kleidermuffel bezeichnet. 
Zum Anfang
Jeans haben in den Jahrzehnten nach dem Krieg keinen guten Ruf. Sie gelten als ordinär und als Hosen der (Kriegs-)Sieger. Für Frauen ist es völlig undenkbar, die engen Beinkleider zu tragen. 

Entsprechend langsam beginnt das Geschäft: Nachdem 1949 der erste Auftrag über die Produktion von 300 Jeans eingeht, fertigen die Hohenloher vier Jahre später die ersten Jeans für Damen. Der Kreis an möglichen Abnehmern wird so erhöht. 

"Damals war es unschicklich, als Frau eine Hose zu tragen. Das war nicht weiblich. Wir haben daher geglaubt, wir müssen eine Erklärung dazu bieten, weshalb Frauen dieses Kleidungsstück anziehen können. Und so haben wir die erste Damenjeans Campinghose genannt. Um den praktischen Gedanken herauszustreichen", sagt Albert Sefranek später in einem Interview. 
Zum Anfang
Ins Jahr 1958 fällt die Geburtsstunde der Marke Mustang, die ins Schutzregister eingetragen wird. Mitte der 1960er-Jahre bestellt Kaufhof die ersten Jeans - "ein Durchbruch im Bekleidungshandel", sagt Albert Sefranek. 

Der Textilunternehmer, der mit seinem Schwager Rudolf Hermann die Geschäfte führt, ist zu diesem Zeitpunkt übrigens kein Freund der blauen Hosen. Deren Träger gelten nämlich als links, als Revoluzzer. "Das war nichts für mich", sagt Sefranek. 

Doch bald wird die Jeans gesellschaftsfähig. Die Hohenloher arbeiten am Mythos der Marke mit dem wilden Pferd: Dass die Jeans praktisch ist, weiß nun jeder. Doch Mustang versucht auch, mit dem Kleidungsstück ein Lebensgefühl zu verkaufen. 

Zum Anfang




Überlange Wildlederwesten mit aufgesetzten Taschen, Taillen-Gürtel, Schlaghosen mit Cord - wer diese Kombination aus dem Hause Mustang wohl getragen hat? Richtig, die westdeutsche Olympiamannschaft des Jahres 1972. Heutzutage kümmert sich Adidas um die Einkleidung der Athleten, damals ist es der Mittelständler aus Hohenlohe. 

So stolz man bei Mustang bis in die Gegenwart auf das Thema Olympia 1972 ist, heutzutage würde man die Sportlerkleidung doch ein klein wenig anders designen. 
Zum Anfang

In manchen (Hohenloher) Haushalten finden sich noch heute Überbleibsel der Firmengeschichte - wie der Teddy "Pet Blu" oder wie W & LT-Jeansjacke. Fotos: Mugler
In manchen (Hohenloher) Haushalten finden sich noch heute Überbleibsel der Firmengeschichte - wie der Teddy "Pet Blu" oder wie W & LT-Jeansjacke. Fotos: Mugler
Vollbild
Mit mehr oder weniger Erfolg versucht Mustang, durch die Kooperation mit anderen Marken nach vorn zu kommen. Joop Jeans ist eine Erfolgsgeschichte und bringt den Künzelsauern zwischen 1989 und 2003 hohe Umsätze und Gewinne. Für die Kinderlinie Joop Kids schickt Mustang den Steiff-Teddy „Pet Blu“ auf den Laufsteg.

Die Joop-Hosen sind in Künzelsau nicht im normalen Mustang-Fabrikverkauf erhältlich, für sie gibt es einen separaten Markt, der Mitarbeitern und Menschen mit Berechtigungsausweis vorbehalten ist. So entsteht im Kochertal eine Zwei-Klassen-Jeans-Gesellschaft: die bevorzugten Joop-Hosenträger und die normalen Mustang-Kunden.

Modisch spektakulär, aber wirtschaftlich weniger erfolgreich ist die Zusammenarbeit mit dem belgischen Designer Walter van Beirendonck und dessen Marke W&LT (Wild and Lethal Trash, gesprochen Walt). Das Markenzeichen: ein orangefarbener Blitz.

Heiner Sefranek will die Designermarke, die er nicht als Fashionmarke, sondern als Kommunikationstheorie versteht, breiter zugänglich machen. 1997 schwärmt er noch in vollen Zügen, W&LT wird aber zum Millionengrab. Und 2003 schließlich eingestellt.    
In manchen (Hohenloher) Haushalten finden sich noch heute Überbleibsel der Firmengeschichte - wie der Teddy "Pet Blu" oder wie W & LT-Jeansjacke. Fotos: Mugler
In manchen (Hohenloher) Haushalten finden sich noch heute Überbleibsel der Firmengeschichte - wie der Teddy "Pet Blu" oder wie W & LT-Jeansjacke. Fotos: Mugler
Schließen
Zum Anfang
Anfang der 1990er-Jahre zieht sich die Familie Hermann aus den Geschäften zurück. Wenig später übergibt Albert Sefranek die Unternehmensleitung an seinen Sohn Heiner.

Mit dem Fall des eisernen Vorhangs ergeben sich neue Absatzmöglichkeiten. Ende der 1990er-Jahre arbeiten 2000 Mitarbeiter im Unternehmen, das Tochtergesellschaften in 24 Ländern unterhält. 

Doch die Branche verändert sich mehr und mehr, Billig-Konkurrenz etabliert sich. Mit den Jahren steigt Mustang aus der Eigenfertigung der Produkte aus. In den 2000ern setzen die Hohenloher verstärkt auf den Verkauf in eigenen Geschäften - eine teure Expansion. 

2011 kommt es in Künzelsau dann zum Paukenschlag: Heiner Sefranek verkauft Mustang an Finanzinvestoren - um in wirtschaftlich schwierigen Zeiten liquide zu bleiben und um die Nachfolge zu regeln.  
Zum Anfang

Als Museumsleiter baute Klaus Megerle das Firmenmuseum mit auf. Hier blättert er im Gästebuch. Foto: Henry Doll
Als Museumsleiter baute Klaus Megerle das Firmenmuseum mit auf. Hier blättert er im Gästebuch. Foto: Henry Doll
Vollbild
Der nächste schwere Schlag folgt für Künzelsau 2018, als bekannt wird, dass die verbleibenden 120 Mustang-Mitarbeiter ins benachbarte Schwäbisch Hall ziehen. Das 7000 Quadratmeter große Areal an der Künzelsauer Lindenstraße war für sie zu groß geworden. Dort wo einst bis zu 16.000 Jeans am Tag genäht wurden, will ein Projektentwickler nun Wohnungen für Studenten und Mitarbeiter Hohenloher Betriebe bauen. 

Die lange Künzelsauer Geschichte von Mustang bleibt nur noch im Firmenmuseum und im Werksverkauf lebendig. Und in vielen Legenden. 
Als Museumsleiter baute Klaus Megerle das Firmenmuseum mit auf. Hier blättert er im Gästebuch. Foto: Henry Doll
Als Museumsleiter baute Klaus Megerle das Firmenmuseum mit auf. Hier blättert er im Gästebuch. Foto: Henry Doll
Schließen
Zum Anfang
Text: Tobias Wieland; Manfred Stockburger; Stimme-Archiv

Bilder: Firma Mustang, privat, Henry Doll, Pixabay

Zum Anfang
Scrollen, um weiterzulesen Wischen, um weiterzulesen
Wischen, um Text einzublenden