Hinweis

Für dieses multimediale Reportage-Format nutzen wir neben Texten und Fotos auch Audios und Videos. Daher sollten die Lautsprecher des Systems eingeschaltet sein.

Mit dem Mausrad oder den Pfeiltasten auf der Tastatur wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Durch Wischen wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Los geht's

Der blaue Turm

Logo http://stimmeonline.pageflow.io/der-blaue-turm

Das Auge der Altstadt

Zum Anfang

Der Nordosten

Wer auf dem Umlauf des Blauen Turms steht, das blaue Schieferdach im Rücken, und den Blick in die Ferne schweifen lässt, hat in alle vier Himmelsrichtungen eine beeindruckende Aussicht.

Zum Anfang

Im Westen präsentiert sich das klassizistische Rathaus von 1839, dahinter reckt sich stattlich die evangelische Stadtkirche empor.


Zum Anfang

Im Südwesten thront die große Anlage des ehemaligen Heilig-Geist-Spitals, scheinbar einen Katzensprung entfernt dahinter liegt die frühere Dominikanerkirche, die heutige katholische Pfarrkirche.

Zum Anfang

Auch die Himmelsstimmungen kann man in 53 Metern Höhe gut erleben. „Besonders faszinierend ist der Blick, wenn das Tal von Nebelschwaden bedeckt ist“, empfiehlt Günther Haberhauer. Von der Position auf dem Turm sehe man dann Gebäudespitzen aus dem weißen Dunst ragen.

Seit fast 70 Jahren lebt der Vorsitzende des Vereins Alt Wimpfen nun in der ehemaligen Stauferstadt. Er kennt die schönen, aber auch die tragischen Momente, die die Geschichte des rund 800 Jahre alten Blauen Turms geschrieben haben.

„Als kleiner Kerl habe ich in den Gassen der Altstadt gespielt. Das war damals noch möglich, denn es war nicht so viel Verkehr. Klar, die Bauern sind halt mit ihren Heuwagen durchgefahren, aber das war kein Problem“, erinnert er sich an Momente seiner Kindheit. Jeden Winkel der Stadt habe er entdeckt und ausgekundschaftet. „Ich wusste, wo die Falken nisten und wo die Schleiereulen schlafen.“

Eines sei dabei immer in seiner Nähe gewesen, habe quasi über ihm geschwebt: Das Wahrzeichen von Bad Wimpfen. „Der Blaue Turm ist meine Heimat“, sagt der 75-Jährige. In seiner Funktion als Stadtarchivar hat sich Haberhauer tief in die Geschichte des steinernen Riesen eingelesen. Auch aus diesem Grund stand für den pensionierten Realschullehrer nie zur Debatte, dass der Bergfried aufgrund seiner Risse im Mauerwerk zum Erhalt saniert werden muss.

Der neugotische Helmaufbau von 1850, der Brand 1848, als die Freitreppe am einst hochgelegenen Eingang an der Ostseite abbrannte, und anschließende Löschmaßnahmen sowie der Einbau einer Betondecke zum Hochbunker im Jahr 1944 haben dem einstigen Wehrturm zugesetzt.

Zum Anfang

„Als in der Nacht auf den 18. Mai 1984 der Blaue Turm bei einem durch einen Blitzeinschlag ausgelösten Großbrand schwerste Schäden erlitt, sprachen die Leute vom ,Wimpfener Jahrhundert-Brand’“, berichtet Stadtarchivar Haberhauer. Die Bürger seien tief bestürzt gewesen, einige hätten Tränen vergossen.

Zum Anfang

Heute ziehen sich Zentimeter breite Risse durch das Mauerwerk. Mit Eisenbändern sollte die Stabilität sichergestellt werden.

Doch die über zwei Jahre andauernden Untersuchungen von Statikern, Architekten und Bauhistorikern kamen nur zu einem Ergebnis: Der Blaue Turm braucht eine tiefgreifende Sanierung. Die soll nun Ende Mai, Anfang Juni in Angriff genommen werden und zwei bis drei Jahre dauern.

Zum Anfang

Öffentliche Förderprogramme fangen einen Großteil der rund 6,2 Millionen Euro teuren Maßnahmen zum Erhalt des Turmes ab. Auch Lidl Deutschland beteiligt sich mit einer Million Euro an der Sanierung, die Denkmalstiftung Baden-Württemberg schießt über 500 000 Euro zu.

Um den Restbetrag stemmen zu können, ruft die Stadtverwaltung mit zahlreichen Aktionen zur Spende auf. „Ein Abriss und Neubau wäre für mich nicht vorstellbar, dann wäre es nicht mehr der Blaue Turm – auch wenn er wieder so aussehen würde“, betont Stadtarchivar Haberhauer. Schließlich sei jeder staufische Buckelquader im Mauerwerk mit Erinnerungspartikeln der Vergangenheit behaftet.

Zum Anfang

„Früher war die Stadt gut behütet: Unter den Toren saßen Torwärter, auf den Mauern patrouillierten Mauerwächter und die zahlreichen Türme waren mit Hochwächtern besetzt“, heißt es in Geschichtsbänden über die ehemalige Stauferstadt.

Zu den Türmen zählte auch der um 1160 erbaute blaue Koloss. „Er war der westliche Bergfried der Königspfalz“, erklärt der Stadtarchivar. Am anderen Ende von Bad Wimpfen stand der Rote Turm zur Sicherung der östlichen Seite. „Auch im Süden gab es einst einen Turm. Davon zeugen archäologische Funde, die bei Ausgrabungen gemacht wurden. Wir vermuten, dass er im 14. Jahrhundert abgebrannt ist.“

Durch die Position hoch oben auf den Türmen konnten feindliche Truppen, die Wimpfen erobern wollten, oder entstehende Brände aus großer Entfernung ausgemacht werden. „Für diese Aufgabe war der sogenannte Türmer oder Hochwächter zuständig“, erzählt der Ur-Wimpfener Habenhauer. Die Tradition der Hochwacht reiche zurück bis ins Mittelalter. Weil die Aufzeichnungen allerdings lückenhaft seien, gebe es keine vollständige Auflistung aller Türmer, die einst den Blauen Turm bewachten.

Für den Beruf des Türmers kamen nur vertrauenswürdige Personen infrage, die einen Eid ablegen mussten. Dafür genossen sie aber auch großes Ansehen in der Stadt.

Bemerkte der Türmer eine Gefahr, musste er sofort Alarm schlagen. „Der Türmer schlug auch die Sturmglocke per Handzug – jede Stunde“, ergänzt Haberhauer. Dadurch wusste die Bevölkerung stets, wie viel Uhr es ist. Für den ungewöhnlichen Beruf war zudem ordentlich Puste notwendig. Schließlich musste an den Feiertagen der Choral herunter geblasen werden. Gerüchten zufolge bewachte der Türmer auch Gefangene in einem Gefängnis im Untergeschoss.

Im März 1964 bekam die Heilbronner Stimme Einblicke in die Arbeit des Türmers Karl Bergmann. Tagein, tagaus holte er die Wimpfener um 5.55 Uhr mit sechs Glockenschlägen aus dem Bett. Mit neun Schlägen um 20.55 Uhr war am Abend Schichtende.

Zum Anfang

Die Hochwacht hat bis in die heutige Zeit überdauert. Die Aufgaben heute sind aber andere. Seit über zwanzig Jahren empfängt Blanca Knodel als einzige Türmerin Deutschlands Besucher in ihrer 53 Quadratmeter großen Turm-Wohnung. Die Glocke muss sie nicht mehr schlagen und auch keinen Choral herunter blasen. Ein Feuer hat sie 2011 aber entdeckt und gemeldet.

Zum Anfang

"Ich habe gerade Wasser in meine Kaffemaschine gefüllt, da hab ich aus dem Küchenfenster gesehen, dass dicke Rauchschwaden aus dem Dach eines Hauses im Burgviertel gequollen sind", erinnert sich Blanca Knodel an den Montagmorgen des 3. Oktober 2011. Sie habe sofort eine Nachbarin angerufen und sie gebeten, dort nach dem Rechten zu sehen. Die Nachbarin habe von der Ehefrau des Imkers erfahren, dass ihr Mann im Dachgeschoss Bienenstöcke ausräuchere.

Knodel sieht immer mehr Rauchschwaden aufsteigen und informiert schließlich die Feuerwehr. "Wenig später sind dann Flammen aus dem Dach geschlagen, berichtet die 65-Jährige. Zwei Bewohner konnten sich aus dem Haus retten, für den 77-Jährigen Imker kam jedoch jede Hilfe zu spät.

 Die Feuerwehr konnte ihn nur noch tot aus dem ausgebrannten Dachgeschoss bergen. Spätere Untersuchungen ergaben, dass der Mann am Morgen auf dem Dachboden Bienenstöcke ausgeräuchert hatte, um die Waben von Schädlingen zu befreien. Das teilte die Polizei damals mit. Hierbei sei er vermutlich unachtsam oder unsachgemäß vorgegangen. 

Zum Anfang

Schließen

Zum Anfang

Text: Kirsi-Fee Rexin

Fotos: Manuel Maier, Dennis Mugler, Mario Berger, Ralf Seidel, Guido Sawatzki, Stadtarchiv Bad Wimpfen

Zum Anfang
Scrollen, um weiterzulesen Wischen, um weiterzulesen
Wischen, um Text einzublenden