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Das Hawaii - das ehemals verrufenste Viertel Heilbronns

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Das Ghetto von Heilbronn

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Natürlich kennt Ulrich Maier das Hawaii-Viertel. Schließlich wohnt er seit seiner Kindheit in der Umgebung von der Christophstraße.  Doch woher der Name stammt, weiß selbst der Alteingesessene nicht. Das Viertel hieß einfach so.
Heute ist der Begriff „Hawaii“ für ihn negativ belegt - noch immer. Es steht für die Zeit, als die Gegend ein Problemviertel war. „Zu dieser Zeit war jeden zweiten Tag Polizei hier“, erinnert sich Maier. Einmal habe man einen toten Drogenabhängigen im Nachbarhaus im Keller gefunden – der lag schon Wochen dort.  

Ende der 1980er Jahre wurde das Hawaii durch einen Artikel im Stern bundesweit bekannt. Die Stern-Autorin begleitete die engagierte Heilbronnerin und Gründerin der Meseno-Stiftung Elsa Sitter. Die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes hatte ein Buch über die Armut geschrieben. Der Stern machte daraus einen Artikel über Prostitution, Drogen und Verwahrlosung „in einem Heilbronner Slum“. „In der Christophstraße wohnen die Stammkunden des Sozialamts“, heißt es dort etwa.

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In einer Bildunterzeile des Sternartikels geht es dabei auch um den Namen des Viertels: „Bittere Ironie: Die Bewohner nennen ihr Elendsviertel Hawaii.“ Ist der Name also nur eine von den Bewohnern selbst gewählte ironische Anspielung auf die schlechten Zustände? Für diese Erklärung gibt es in Archiven und bei Zeitzeugen keine Belege. Elsa Sitter beklagte sich nach der Veröffentlichung bitterlich über die undifferenzierte und negative Berichterstattung über ihr Viertel.

Zumal Anfang der 1990er auch andere überregionale Zeitungen über das Hawaii berichteten. Von einem „Paradies für die Drogensüchtigen“ schreibt die Rhein-Neckar-Zeitung 1994. Für die Stuttgarter Zeitung war es ein „Kriminellen-Zentrum mitten in Heilbronn“.
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Von der Barackensiedlung zum Schmelztiegel

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Doch der Name Hawaii dürfte schon deutlich älter sein. In den 1920er Jahren kaufte die Stadt an der heutigen Ellwanger Straße alte Baracken, in denen vorher Kriegsgefangene gelebt hatten. Es entstand billiger Wohnraum direkt an der Bahnstrecke nach Neckarsulm.

Das Stadtarchiv zitiert Zeitzeugen, die sich erinnern, dass die Gegend schon damals Hawaii genannt wurde. Außerdem war in dieser Zeit in Anspielung an das Londoner Stadtviertel auch der Name „White Chapel“ gebräuchlich. Londons White Chapel war nicht nur multikulturell sonder auch die Heimat von Jack the Ripper. Bäckermeister Werner Gruner, der seit 1935 an der Ecke Goppeltstraße/Christopstraße wohnt und arbeitet, erinnert sich an beide Namen. Doch der 87-Jährige glaubt: Der Name Hawaii kam erst nach dem Krieg.

 Ein weiterer Zeitzeuge weist darauf hin, dass vor dem Krieg ein angrenzendes Schrebergartenviertel den Namen „Samoa“ trug. Die ehemalige deutsche Kolonie galt genau wie Hawaii als Sehnsuchtsort. „Eventuell könnte so Hawaii als weitere „Südseeinsel als Namenspate“ gedient haben“, mutmaßt man im Heilbronner Stadtarchiv. Doch ganz sicher ist man sich nicht.
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Nach dem zweiten Weltkrieg entstanden viele der schlichten vierstöckigen Häuser, die bis heute das Gesicht des Viertels prägen. In dieser Zeit sollen sich auch viele amerikanische Soldaten in der Gegend aufgehalten haben. Haben die GI‘s das Viertel nach dem amerikanischen Bundesstaat Hawaii benannt? So haben es zumindest eine 78-jährige Anwohnerin und der junge Vater Kenan Colak gehört.

 Doch von einer Trauminsel war das Heilbronner Hawaii in dieser Zeit noch immer weit entfernt. Während die Stadt im Wirtschaftswunder florierte, wurde das Hawaii weiter abgehängt. In den 1970er Jahren befragten Jusos die Bewohner des Arbeiterviertels nach ihren Problemen. Keine Bäder, feuchte Keller und Fenster, zu denen es rein regnet. Die Mängelliste, die ein Artikel der Heilbronner Stimme aufführte, war lang.

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Als Joachim Beuchert von der Stadtsiedlung Heilbronn Anfang der 1990er Jahre das erste Mal ins Viertel an der Christophstraße kam, war es wie ein Besuch in einer anderen Welt. „Bevor wir ausgestiegen sind, hat mir mein Kollege eine Weste der Polizeibehörde in die Hand gedrückt.“ Sonst steige man hier besser nicht aus, sagte der Kollege sinngemäß.

 Besonders eindrucksvoll in Erinnerung geblieben, ist Beuchert, der bei der Stadtsiedlung für das Bestandsmanagement zuständig ist, der Besuch in der Christophstraße 65-69. Der Block galt als Schwerpunkt des Drogenhandels. „Die Keller waren komplett voller Müll, manche Holztüren haben gefehlt – die waren verheizt worden – und auf dem Spielplatz nebenan lagen Spritzen“, erinnert sich Beuchert.
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Hawaii wird zum Sanierungsgebiet

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In dieser Zeit wurde schließlich auch die Stadt aktiv und beschloss einen „Sanierungsplan Unteres Industriegebiet“. Der Block Christophstraße 65-69 wurde kurzerhand abgerissen, die Nachbarblöcke generalsaniert. Der Name Hawaii wurde zu dieser Zeit gemieden. Zu sehr war er mit dem Stigma Problemviertel behaftet.

 Mitte der 1990er beschäftigte sich auch Hanspeter Hagen mit dem Hawaii-Viertel und kaufte ein historisches Gebäude direkt an der Bahnlinie: das Kaffeehaus Hagen. Es sei eine bewusste Entscheidung gewesen, sagt der 73-Jährige heute. „Wenn immer mehr die Bronx verlassen, wird es nicht besser.“ Bronx oder Heilbronx, noch so ein Name, der dem Viertel in seiner schlechten Zeit anhaftete. Hanspeter Hagen versuchte dem schlechten Image etwas entgegenzusetzen. Doch er stand damit zunächst alleine da.
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Erst 2001 wurde die von Anwohnern lange geforderte Fußgängerbrücke über die Bahn gebaut. Ein Anschluss an das Nachbarviertel und gleichzeitig ein sicherer Schulweg für viele Kinder. Das Kaffeehaus Hagen ist nicht nur ein Heilbronner Aushängeschild, sondern auch im Viertel verankert.

Hawaii-Bewohner kommen zum Kaffee trinken und auch in der Bedienung arbeiten Menschen aus den verschiedensten Ländern. „Hier gibt es nicht nur Schwaben“, sagt Hagen, „das macht die Gesellschaft aus“. Seine Entscheidung für das Hawaii hat er nicht bereut, auch wegen der bis heute günstigen Mieten.
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Viele Anwohner leben gerne im Hawaii. „Es hat sich radikal verändert“, sagt Kenan Colak, der mit seiner Tochter auf den Schultern durch das Viertel schlendert. „Im Vergleich zu früher ist es ein Paradies“, findet Ulrich Maier.

Ein Paradies mit seinen Eigenheiten: Über 90 Prozent der etwa 1000 Einwohner sind Ausländer und Migranten. Mindestens ein Dutzend verschiedene Nationen leben hier Tür an Tür. Die Wohnhäuser mögen teilweise heruntergekommen sein, aber auch vor den nicht sanierten Wohnungen stehen neue Mittelklassewagen.
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Das Hawaii und sein Name

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Doch woher hat das Hawaii-Viertel seinen Namen? Waren es amerikanische Soldaten, die sich ein Stück Heimat geschaffen haben? War es eine Anspielung an einen Sehnsuchtsort? Oder steckt hinter dem Namen eine große Portion Ironie, wie es der Stern-Artikel aus den 1980ern nahelegt?
Es gibt weitere, eher abwegige, Theorien, wie die einer Journalistin, die behauptet, der Name stamme daher, dass die Bewohner Hawaiis eine besondere Vorliebe für bunte Tapeten haben. Ein Anwohner weist darauf hin, dass die Umrisse des Viertels wohl denen von Hawaii ähneln. Ein weiterer Leser sagt, dass das Wort, "Havai" geschrieben, auch im Türkischen eine Bedeutung hat.

Die eine Antwort fällt schwer. Auch Achim Frey, Historiker beim Stadtarchiv sagt: "Wir sind seit Jahren dran, aber die endgültige Antwort haben wir nicht." Doch selbst wenn viele Bewohner den Namen „Hawaii“ noch immer als negativ empfinden. Der Name wird bleiben.
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Text: Janis Dietz

Bilder: Janis Dietz und Archiv

Hinweise zur Herkunft des Namens "Hawaii" gerne an janis.dietz@stimme.de

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