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Strafjustiz im späten Mittelalter

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Strafen im mittelalterlichen Heilbronn

Von Torsten Büchele
 
Folter, Verbannung, Feuertod: Die mittelalterliche Strafjustiz war blutrünstig – und Heilbronn stand in Härte und Grausamkeit den anderen Reichsstädten und Territorien  auf deutschem Boden in Nichts nach.

In dieser Präsentation haben wir die gängigsten Strafmaßnahmen für Straftäter im Spätmittelalter zusammengetragen. Die Betrachtung beschränkt sich auf die Zeit von 1300 bis 1500 und einige wenige Beispiele aus dem 16. Jahrhundert. Erst ab dieser Epoche liegen im Heilbronner Stadtarchiv ausreichend schriftliche Quellen vor, um ein rundes Bild der Strafjustiz im Mittelalter zu gewinnen.
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Am Heilbronner Markplatz (Bild) stand der Pranger. Wer Sittengesetze verletzte, wurde hier öffentlichem Spott ausgesetzt. Fälscher wurden in Halseisen gelegt, Felddiebe an den „Lasterstein“ gekettet.

Streitsüchtige Frauen und "Hausdrachen" erhielten die „Geige“ um den Hals, freizügige kamen in den „Hurenstall“ – einen kleinen Käfig, ganz ähnlich dem „Narrenhaus“. Ehrstrafen waren bis weit in die Frühe Neuzeit beliebt. Noch 1732 trieb der Stadtknecht die „Versoffene Krug-Ursel“ durch die Straßen.
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Haftstrafen waren selten, die Unterbringung kostete schließlich Geld. Als Gefängnisse dienten zunächst die Wehrtürme der Stadt: Diebsturm, Sülmertorturm, Brückentorturm sowie Lohtörlein-, Letten-, Butzen- und Adelberger Turm.

Nur für den Götzenturm (Bild) findet sich kein Nachweis einer solchen Nutzung. Götz von Berlichingen, der fränkische Raubritter aus Goethes Drama, war 1519 in Wahrheit eine Nacht im Bollwerksturm inhaftiert und stand danach drei Jahre unter Hausarrest im Gasthaus Krone. Von den Wehrtürmen in der Stadtmauer sind nur noch der Götzenturm und der Bollwerksturm erhalten. Im 15. Jahrhundert diente ein Gewölbe am Rathaus als Gefängnis.

Genauso wie die Haftstrafe kam der Arbeitsdienst erst im 18. Jahrhundert in Mode. Die Idee von Erziehung und Besserung durch öffentliche Arbeit wie Straßenreinigung entspricht einem humanistischen Bildungsideal, das der vornehmlich strafenden und abschreckenden mittelalterlichen Justiz noch vollkommen fremd war.
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An Geldstrafen und Vermögenseinzug verdiente die Stadt gut. Kleinere Vergehen wie leichte Körperverletzungen und Beleidigungen waren damit schnell gesühnt.

Durch gleichzeitige Verbannung eines Missetäters aus der Stadt oder gar über Rhein und Donau entledigte sich die Stadt im Falle eines schwerwiegenderen Delikts des Problems nachhaltig, ohne Blut zu vergießen. Viele Straftäter sahen die Stadt also nur noch aus dieser Perspektive (Aquarell von 1554).

Verbannungen wurden häufig angeordnet. Aufrührer, Diebe und Gotteslästerer traf oftmals das Exil: auf ein Jahr, zehn Jahre, auf unbestimmte Zeit oder lebenslang. Bei Androhung schwerer Strafen wie dem Tod mussten sie das Stadtgebiet und oft einen weiteren Umkreis von mehreren Meilen meiden.

Mitunter mussten Deliquenten bis über Rhein und Donau gehen. So musste 1473 ein Müller, der Mehl veruntreut hat, über den Rhein fliehen.
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Im Mittelalter sprachen weltliche Gerichte auch Bußen aus, die im kirchlichen Kontext vollzogen wurden. Bei Unfällen mit Todesfolge oder Tötungen aus Notwehr mussten Sühnekreuze gespendet, Totenmessen finanziert und auf Wallfahrten für die Seele des Toten gebetet werden. Ein Fußmarsch bis nach Rom oder Aachen war eine teure und gefährliche Reise. Noch 1665 hielt der Pfarrer unehelichen Liebespaaren eine Moralpredigt.

Auf dem Bild wacht Sankt Kilian an der Heilbronner Kilianskirche über das Kommen und Gehen der Gläubigen.
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Wer richtig was ausgefressen hatte, verlor schnell seine Gliedmaßen – Finger, Hände, Ohren – oder gar den Kopf. Denn im mittelalterlichen Strafrecht gab es keine Resozialisierung. Es ging um Abschreckung und Vergeltung.

Eine Straftat wurde durch eine möglichst gleichartige Strafe gesühnt. Wer Meineid leistete, verlor die Hand, mit der er geschworen hatte. Hier spielt auch ein Sicherheitsgedanke eine Rolle: Ein Dieb ohne Hand stiehlt nicht noch einmal.

Das Foto zeigt das Schwert eines Henkers, welches im Spätmittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg ob der Tauber verwahrt wird.
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Auspeitschen war eine gängige Leibesstrafe. Aber auch Brandmarkungen gehören dazu. Eine Frau, die ihr Kind verhungern ließ, bekam ein Kreuz auf die Stirn, ein stehlender Jude noch 1740 einen Galgen auf den Rücken gebrannt.

Blendungen, wie sie Rembrandt in einem Gemälde von 1636 darstellt, und Entmannung gab es in Heilbronn nicht. Auch Zungenabschneiden ist nicht belegt. Körperstrafen wurden auf dem Marktplatz vollzogen.
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Wer einen Menschen ermordete, verwirkte sein Leben. Auch Brandstiftung, schwere Diebstähle und Münzfälschung endeten mit dem Tod.

Hinrichtungen erfolgten auf vielfältigste Weise: hauptsächlich durch Enthaupten, aber auch durch Erhängen, Ertränken oder Rädern (Symbolbild). Brandstifter landeten auf dem Scheiterhaufen. Nicht überliefert in Heilbronn ist die Pfählung.
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Hinrichtungen (Symbolbild aus dem Mittelalterlichen Kriminalmuseum Rothenburg ob der Tauber) fanden in aller Öffentlichkeit statt. Für Schulklassen war die Teilnahme lehrreiche Pflicht.
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Nachdem Bürgermeister auf dem Marktplatz das Urteil verlesen und über dem Verurteilten symbolisch den Stab gebrochen hatte, zogen Bürgerwacht, Stadtreiter und eine große Zahl Schaulustiger in einer Prozession zur Richtstätte. Der Weg führte über die Armesündersteige, die heute noch denselben Namen trägt.  

An einem Bildstock von 1518, von dem eine Nachbildung noch immer am Fuße der Steige steht, konnte der Todgeweihte ein letztes Mal für sein Seelenheil beten.
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Die Heilbronner Hochgerichtsstätte befand sich
auf einer Anhöhe an der Landstraße nach Weinsberg,
die noch heute den Namen „Galgenberg“ trägt.


Weithin sichtbar stand dort der mächtige Galgenbau (Pfeil) aus drei senkrechten Säulen und einem Querbalken. 1450 wird er erstmals erwähnt, 1811 wurde er abgebaut. Als weitere Richtstätte diente der „Säuwasen“. In Kriegszeiten erfolgten Exekutionen auf dem Markplatz.
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Nach der Hinrichtung wurde der Leichnam unter dem Galgen verscharrt oder, was häufiger vorkam, zur Abschreckung einige Tage oder Wochen öffentlich ausgestellt. Dazu ließ man den Toten am Galgen hängen oder spießte seinen Kopf auf einen Pfahl, wo er den Raben willkommene Nahrung war.

Der Scharfrichter selbst war aus dem Kreis der ehrbaren Personen der Stadt ausgeschlossen. Er wirkte gleichzeitig als Abdecker. Dem „Nachrichter“ war es verboten, Grund, Haus und Acker im Heilbronner Stadtgebiet zu erwerben.

Zu seinen Aufgaben gehörte auch die Durchführung der Folter. Die "Peinliche Befragung" diente aber nicht der Strafe, sondern ausschließlich der Zeugenvernehmung.

Im 16. Jahrhundert wurden die Heilbronner Henker häufig von Städten aus dem Umland angefragt. So folterten und richteten sie beispielsweise auch in Bad Wimpfen, Neckarsulm oder im hohenlohischen Kupferzell.
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Mag die mittelalterliche Strafjustiz aus heutiger Sicht
furchtbar und grausam erscheinen, verfügte sie auch in der Stadt Heilbronn über ein oftmals angewandtes Gnadenwesen. Alter, Krankheit, Schwangerschaft und familiäre Pflichten waren häufig der Grund, bereits vor dem Richterspruch auf eine Verurteilung zu verzichten.

Auch nach dem Urteil war noch Milderung möglich, besonders, wenn einflussreiche Fürsprecher wie Graf oder Gräfin von Löwenstein (im Bild: Graf Ludwig I. von Löwenstein, 1463-1523) ein gutes Wort einlegten – und wenn es nur bedeutete, dass eine grausame Todesstrafe wie Rädern durch den Schwertstreich ersetzt wurde. Verbannung wurde oft zur Geldbuße gemildert. Das Begnadigungsrecht lag beim Rat.
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Nach der Begnadigung – wie nach jedem Verfahren, ob es mit Urteil oder Freispruch endete – schwor der Angeklagte Urfehde. Der Eid besagte, dass der Angeklagte auf Rache gegen die Stadt und seine Ankläger verzichtete. Auch zu Unrecht Gefolterten oder unschuldig gefangen Genommenen wurde dieser Eid abverlangt. Wer sich weigerte, den ließ der Rat nicht frei. Wer ihn brach, verlor seine Hand.

Götz von Berlichingen saß auch deshalb über drei Jahre in Heilbronn in Haft, weil der Streitsüchtige mit der eisernen Hand sich lange Zeit beharrlich weigerte, Urfehde zu leisten.
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Als Reichsstadt (ab 1371) unterstand Heilbronn direkt dem Wort des Kaisers. Der saß allerdings weit entfernt, sodass die städtische Selbstverwaltung durch den Rat der Stadt große Freiheiten genoss.

Gewaltenteilung war noch unbekannt; der Rat war die oberste Instanz in allen Fragen – wenn auch nicht schon immer: Das ganze Mittelalter über war der Rat der Stadt bemüht, die Gerichtsgewalt von den vom Kaiser bestellten Beamten Vogt und Reichsschultheiß zu erringen. Bereits 1360 gelang ihr das auf dem Gebiet der Blutgerichtsbarkeit erstmals in Teilen.

Anschließend schwankten die Machtverhältnisse im 14. und 15. Jahrhundert. 1473 kam die Stadt endgültig in den Besitz beider Ämter und ihrer Rechte.
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Wie ein Strafverfahren in Heilbronn ablief, erschließt sich erst ab dem 15. Jahrhundert aus schriftlichen Quellen.

Etwa um diese Zeit wandelte sich das Strafverfahren hin zu einer Verstaatlichung des Strafprozesses: Mussten Opfer bis dahin selbst als Ankläger auftreten, übernahm die Öffentlichkeit ab 1450 zunächst die Kosten des Verfahrens und schließlich auch die Aufgabe der Anklage. Erstmals entstand eine öffentliche Strafverfolgung, die ansatzweise vergleichbar ist mit unserer modernen Rechtsauffassung.

Wie lange die im Spätmittelalter etablierte Strafprozessordnung Geltung besaß, zeigt das abgebildete Todesurteil von 1685: Über dem Verbrecher wurde nach mittelalterlichem Brauch der Stab gebrochen. Erst mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert wandelt sich der Rechtsbegriff grundlegend. (Bild: Mittelalterliches Kriminalmuseum Rothenburg ob der Tauber)
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Text und Redaktion: Torsten Büchele


Bilder: Andreas Veigel, Gemeinfrei, HSt-Archiv, Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Mittelalterliches Kriminalmuseum Rothenburg ob der Tauber, Stadtarchiv Heilbronn


Besonderer Dank geht an das  Mittelalterliche Kriminalmuseum Rothenburg ob der Tauber und das Stadtarchiv Heilbronn für kostenfrei zur Verfügung gestelltes Bildmaterial.  
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