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Ein Jahr nach dem Unwetter in Braunsbach

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Es ist der 29. Mai 2016. Nach einem heißen, sonnigen Sonntag zieht abends der Himmel über Hohenlohe zu. Mit Einbruch der Abenddämmerung beginnt es sintflutartig zu regnen. Das ist die Geschichte des heftigsten Unwetters, das Hohenlohe seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erlebt hat - die Geschichte einer Jahrhundert-Katastrophe für die Region.

Mitten im Zentrum der Regenfront liegt die kleine Gemeinde Braunsbach, zehn Kilometer nordöstlich von Schwäbisch Hall. Sie trifft die Wucht des Unwetters am allerschlimmsten. Die Ortsmitte von Braunsbach wird auf fürchterliche Weise verwüstet.

Die Geschichte wird in einem sogenannten Scrollytelling dargestellt. Scrollen Sie sich durch die Präsentation, um zu sehen, was sich in der Katastrophennacht in Braunsbach zugetragen hat.


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Drei kleine Bäche fließen durch und um das beschauliche Örtchen im Kochertal: der Orlacher Bach, der Schlossbach und der Grimmbach. Die bis dato unscheinbaren Bächlein schwellen am Sonntagabend binnen weniger Minuten zu reißenden Flüssen an.

Die steilen Zuflüsse des Kochers rauschen sturzbachartig das enge Tal und die Klingen hinab und reißen alles mit sich, was ihnen in den Weg gerät. Eine Schlamm- und Gerölllawine schiebt sich 800 Meter weit durch den Ort und hinterlässt eine Schneise der Zerstörung.

Die Bürger in Braunsbach sind fassungslos, als am Morgen nach dem Unwetter das ganze Ausmaß der Katastrophe sichtbar wird.




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Schaufenster sind zerborsten, Geschäfte überflutet, Häuser voller Schlamm, davor Unmengen an Geröll, Baumstämmen, Steinen. An einigen Häusern fehlen ganze Wände. Braunsbach ist am Montagmorgen nicht wiederzuerkennen und aufgrund überfluteter Zufahrtstraßen von der Außenwelt nahezu abgeschnitten.

Angesichts der Bilder grenzt es an ein Wunder, dass keine Toten oder ernsthaft Verletzten zu beklagen sind. 14 Leichtverletzte werden gezählt.

Bereits gegen drei Uhr in der Nacht ist schweres Gerät im Einsatz. Ab sechs Uhr wird die zerstörte Infrastruktur repariert. Wasser, Abwasser, Strom, Telekommunikation funktionieren bereits nach drei Tagen wieder, informiert Gerhard Bauer. Bis auf die Orlacher Straße sind die öffentlichen Straßen nach einer Woche wieder befahrbar.

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Wasser, Schlamm und Geröll beschädigen mehr als 100 Häuser. Zehn davon sind nicht mehr zu retten und müssen abgerissen werden. 70 Einwohner werden vorübergehend obdachlos und kommen in einer Halle in Ilshofen unter.

Unter dem Strich entstand alleine an Gebäuden ein Schaden von mehr als 100 Millionen Euro.

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Auch 128 Autos werden verschrottet - darunter dieses hier. Doch es gibt Verzögerungen. Zahlreiche Wracks sind derart verschlammt, dass Schrotthändler die Annahme verweigern, um ihre Pressen nicht zu beschädigen.

Außerdem werfen einige Bürger einem Abschleppdienst Wucher vor. Dabei ist die Bergung der verschütteten Fahrzeuge sehr aufwendig. Spezialfahrzeuge kommen zum Einsatz, erleiden Verschmutzungen und Beschädigungen. Die Autos voller Schutt wiegen bis zu acht Tonnen.

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Der kleine Orlacher Bach, der im Normalfall zwei bis vier Meter breit ist, ist während der Flut bis zu sechs Mal so breit. Der Grimmbach, der flacher fließt, verbreitert sich an manchen Stellen auf das Zehnfache. Er ist außerhalb des Ortes heute weiterhin so zu sehen, wie die Flut ihn aufgeweitet hat.

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120 Kubikmeter Wasser pro Sekunde ergießen sich ins Tal. „Das ist etwa so viel, wie wenn der Neckar bei Mittelwasser in dieses Dorf rein fließt“, so der Hydrologe Axel Bronstert von der Universität Potsdam.

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48 Erdrutsche erlebt Braunsbach in dieser Nacht. Drei bis vier Meter hoch ist die vernichtende Gerölllawine. Bis zu 15.000 Kubikmeter Boden werden mit der Flut fortgeschwemmt - so viel würde ungefähr anfallen, wenn man die Fläche eines Fußballfeldes zwei Meter tief ausgräbt. Mehr als drei mal so viel Geröll, bis zu 50.000 Kubikmeter, werden ins Tal gespült.

Dazu kommen bis zu 6.650 Kubikmeter Holz. Damit spült die Flut so viel Wasser und Holz ins Tal wie sonst nur alpine Unwetter.

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Eine Filmsequenz über die Flut geht um die Welt: Ein Feuerwehrauto mit eingeschaltetem Blaulicht wird von den Wassermassen in der Orlacher Straße fortgerissen. Es ist ein Symbol für die Machtlosigkeit des Menschen angesichts wütender Naturgewalten.

Ein Besucher im Gasthof Zum Löwen nimmt in der Katastrophennacht das Video von seinem Zimmer mit Blick auf den Braunsbacher Marktplatz aus auf.


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Statt in Ruhe aufräumen zu können, fühlen sich die Einwohner zum zweiten Mal als Opfer. Katastrophentouristen fallen ins Dorf ein, um sich an den verheerenden Verwüstungen zu unterhalten - vorwiegend am schönen Sonntagnachmittag.

An einem Wochenende zwingt die Polizei in nur eineinhalb Stunden 180 Autos zum Umkehren. Denn die Straße nach Geislingen wurde wegen der Straßenschäden gesperrt.

Braunsbachs Bürgermeister Frank Harsch beobachtet Unverschämtes: „Einige Gaffer benehmen sich ein Stück weit respektlos. Sie betreten einfach Gärten oder sogar Häuser.“ Manche fotografieren und filmen sogar im Ort.

Bei der hier abgebildeten Person handelt es sich allerdings um einen Anwohner, der sich außerhalb der Schuttberge einen Augenblick der Stille gönnt.

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Wenige Tage nach der Katastrophe besuchen Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und sein Vize, Innenminister Thomas Strobl (CDU), das Katastrophengebiet.

Das Land schnürt ein Hilfsprogramm für die Kommune Braunsbach, das 10,65 Millionen Euro umfasst. Auch betroffene Privatpersonen erhalten 500 Euro Soforthilfe.

Doch die Rolle der Landespolitiker ist umstritten: Erst nach drei Tagen treffen Kretschmann und Strobl erstmals in Braunsbach ein. Die Soforthilfen werden erst nach Tagen bewilligt und das Hilfsprogramm erst nach einem Monat. Und dass andere Kommunen, insbesondere im Hohenlohekreis, kein Sanierungsprogramm erhalten, sorgt für Unmut unter den betroffenen Bürgermeistern.

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Wochen dauert es, die Stadt vom Schutt zu säubern. Bei der Sanierung haben Wohnhäuser absoluten Vorrang. Bis Juli sind sie vom Schutt befreit.

Das Rabbinatsmuseum kann bereits Mitte August wieder öffnen. Anfang September wird die Kochertalstraße wieder für den Verkehr freigegeben. Im November öffnen erste Geschäfte wieder wie die Apotheke von Gerlinde Mayer. Viele Häuser sind zu diesem Zeitpunkt aber immer noch schwer beschädigt.

Die öffentliche Infrastruktur des Ortes wird in vier Schadensdistrikte eingeteilt, die von vier Ingenieurbüros gleichzeitig abgearbeitet werden. Ende März 2017 beginnen die Bauarbeiten an Kanalisation und Straßen in Distrikt zwei. Bis Juli 2018 werden sie wohl dauern. Im April steht zudem fest: Die Burgenlandhalle wird nicht abgerissen, sondern saniert.

Geröllsperren wie diese am Schlossbach, die Bürgermeister Frank Harsch (CDU) präsentiert, sollen künftig helfen, solche Katastrophen abzumildern oder ganz zu verhindern.

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Ein Jahr später ist Braunsbach aufgeräumt, aber noch lange nicht wieder aufgebaut. Die Wunden der Flut sind noch überall zu sehen: Hauswände mit Löchern und Stützbalken, Schutt am Straßenrand, leerstehende Gebäude. Auch heute noch rattern Maschinen, Abrissbagger dröhnen.

Wollen Sie sehen, wie Braunsbach unmittelbar nach der Katastrophe und heute im Vergleich aussieht? Dann klicken Sie auf den folgenden vier Seiten unten auf "Vorher/Nachher-Ansicht starten" und ziehen Sie die Linie im Bild hin und her.

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Am Freitag vor dem Jahrestag stehen Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und sein Vize, Innenminister Thomas Strobl (CDU), erneut dort, wo die gigantische Schlamm- und Gerölllawine durch das Dorf rauschte.

Beide zeigen sich beeindruckt vom Wiederaufbau. Der Ort im Hohenlohischen habe bewiesen, dass in einer Krise auch eine Chance stecke, sagte Kretschmann, der mit Applaus empfangen wurde. Der Zusammenhalt im Ort sei beispielgebend.  „Respekt“, sagt Kretschmann beim Blick über den Marktplatz. „Braunsbach ist ein Phoenix“, macht Strobl den Einwohnern Mut.

Die Regierungsspitze bringt an diesem Tag weitere Förderbescheide für den Wiederaufbau mit. Für den Wiederaufbau des Wassersystems hat Kretschmann über 6,3 Millionen Euro im Gepäck. Insgesamt seien seit einem Jahr Förderanträge über 50 Millionen Euro aus diversen Töpfen bewilligt worden oder in Planung.
 

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Für den Braunsbacher Bürgermeister Frank Harsch ist die Fördersumme nicht genug. Die Gemeinde sei nicht mehr in der Lage, Eigenanteile für anstehende Investitionen zu stemmen. Es fehlten weitere zehn Millionen Euro.


Der Wiederaufbau des Ortes dauert nach Ansicht der Gemeinde noch Jahre. "Ich gehe davon aus, dass wir in drei bis fünf Jahren wieder sowas wie Normalität haben", sagte Bürgermeister Frank Harsch.

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Redaktion: Torsten Büchele mit Material von dpa, Beatrice Schnelle, Denise Fiedler, Henry Doll, Marcus Haas, Norbert Acker, Oliver Färber, Thomas Zimmermann

Bilder: dpa, privat, Ralf Reichert

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